Prien – Geradezu bezaubernd ist das theatralische Ambiente des Theaterfestivals „Dramasuri“ im Priener Eichental mit der Parkanlage samt murmelnden Bach, mit dem blinkenden Theaterzelt samt Büdchen zum Trinken und Essen und den Biertischen: ein kleines Theaterparadies. Als Eigenproduktion begann das Festival mit „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute.
Immer wieder streicht Evelyn ihrem Adam besitzergreifend durch sein Haar, umschlingt ihn mit einem Arm, nur manchmal umarmt sie ihn ganz: „Du gehörst mir!“, scheint sie damit zu sagen. Adam ist dieser Eva ganz verfallen, ändert sich und sein ganzes Wesen, wird zu einem neuen Adam, einem verführerischen Mann.
Nur vier Personen hat diese Konversationskomödie. Die stehen fast ständig auf der Bühne: eine große körperliche und konzentrationsmäßige Herausforderung. Diese bestehen die vier Schauspieler glänzend. Der Regisseur Alessandro Visentin hat sie zur Perfektion getrieben. Alles stimmt: Spieltempo, das immer rasanter wird, wenn die Spannung steigt, genaue Artikulation, das Spiel miteinander und auch das Spiel ohne Spiel, die Präsenz, und vor allem die Authentizität. Die Pointen sitzen haargenau, das Timing ist perfekt. Atemlos verfolgt man das spannende Spiel um Wahrheit und Lüge, Verstellung und Echtheit, Liebesanspruch und Bewahrung der eigenen Individualität. Die vier sind so gut, dass man vergaß, dass sie spielten, dass man beim Beifall verwundert war, dass sie in Wirklichkeit ganz anders sind.
Julia Gruber ist als Evelyn ein kleiner Weibsteufel in Blond, zuerst kess, dann immer fordernder, schlangengleicher und dominanter. Immer ist sie in Bewegung, sie überrennt den armen Adam geradezu mit ihrem physischen Ansprung. Auch ihr Gesicht ist in Dauerbewegung. Die messerscharfen Repliken stechen blitzschnell. So schnell und wirkungsvoll, dass man eigentlich als Mann schnell Angst kriegen müsste. Da hätte der Regisseur vielleicht zwischendurch die Erotik ein bisschen verstärken sollen, denn Klugheit allein macht nicht verführerisch.
Als Adam ist Marcel Kowalewski ihr ebenbürtig. Rührend ist seine Verliebtheit, die in völlige Abhängigkeit umschlägt. Seine schüchternen Abwehrversuche enden in immer größeren Unterwerfungsaktionen. Auch da hätte der Regisseur die körperliche Veränderung noch mehr betonen können: Genug Haare hat Kowalewski ja, um daraus die besprochene neue schicke Frisur machen zu können. Und noch schickere Kleidung hätte deutlicher seine Verwandlung von einem linkischen Jüngling in einen „Loverboy“ demonstriert.
Viel Sympathie
für Jenny
Als naive, aber dafür menschliche Jenny heimste Lilian Mazbouh kulleräugig viel Sympathie ein, ihr natürliches Spiel ist völlig überzeugend. Julian Brodacz‘ Spiel als Philip gewinnt immer mehr an Schärfe, wenn er merkt, wie sein Freund Adam ihm entgleitet, die Kumpelhaftigkeit wandelt sich in eifersüchtige Verletztheit, die ihn schließlich zum gefährlichen Nebenbuhler macht. Der riesige Beifall der von der zynischen Schlusspointe erschreckten Zuschauer freute die jungen Schauspieler sichtlich und völlig zu Recht.