Rohrdorf – Seine Musik ist nicht einfach hochromantisch, sondern zugleich klassisch. Das wusste schon Joseph Joachim. Als enger Weggefährte von Johannes Brahms hat der bedeutende Geiger viele Werke seines Freundes uraufgeführt. Von Joachim gibt es sogar einige historische Tonaufnahmen. Sie verraten eindeutig: Joachim war bei Brahms stets um eine Entschlackung des Klangs bemüht, ohne Dauervibrato und breiten Strich.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Klischee eines überpathetischen Brahms in aller Welt zelebriert. Brahms selber orientierte sich an der gewichtigen Violinschule von Joachim. Sie übertrug die klassische Violinschule von Leopold Mozart in das damalige Heute von Brahms. Beim Kammermusikfestival „Festivo“ wurde jetzt diese Diskussion verlebendigt: hochintensiv.
Im Foyer von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf gab es einen reinen Brahms-Abend. Dafür hatten Christoph Declara (Klavier) und Thomas Reif (Violine) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola) und Karel Bredenhorst (Cello) zwei Meisterwerke ausgesucht: das Klaviertrio op. 8 und das Klavierquartett op. 25. Sie haben die Musiken zupackend wirken lassen und zugleich mit schlanker Transparenz ausdifferenziert.
Das Ergebnis waren Hörkrimis allererster Güte. Ob fast schon orchestrale Klangfülle oder fragiler Lyrismus: Stets wurde der richtige Ton eingefangen, flexibel und agil. Dabei glänzten nicht zuletzt Declara und Reif: Auf diese Musiker darf die Region wahrlich stolz sein. In Rosenheim groß geworden und von Festivo gefördert, erobern sie Schritt für Schritt die Musikwelt.
Dabei glänzte Declara mit uneitler Noblesse und kultivierter Stilsicherheit. Umso berührender erklang die stille Weise, mit dem das solistische Klavier das Adagio im Trio op. 8 einläutete. Declara zauberte überreich schimmernde Farben aus dem Flügel. Mit stupendem Anschlag gelangen ihm feinste Nuancen in der Dynamik. Er ist ein profunder Kenner von Brahms: Im Frühjahr hat Declara am Salzburger Mozarteum eine „Brahms-Nacht“ zusammengestellt, zum 120. Todestag.
Thomas Reif dosierte mit hellhörigem Feingespür das Vibrato, um im Trio op. 8 mit Bredenhorst eine gänzlich homogene Streicher-Stimme zu kreieren. Für Reif war das Konzert auch eine Art Feuerprobe, denn: Ab dem 28. August stellt er sich der Jury des ARD-Musikwettbewerbs in München. Dafür hat er beim jetzigen Konzert eine neue Geige ausprobiert. Für den Wettbewerb ist Reif bestens vorbereitet.
Musikalisches Feuerwerk
Im Quartett op. 25 trat schließlich Erkes hinzu. Seine einnehmende Präsenz und sein Gespür für musikalische Dramaturgie ließen vollends ein musikalisches Feuerwerk entfachen. Nach dem finalen „Zigeuner-Rondo“, aufgedreht mit wahnwitzigem Tempo, gab es kein Halten mehr: stürmischer Beifall im ausverkauften Foyer. Als Zugabe erklang eine Bearbeitung von Declara des „Ungarischen Tanzes“ Nr. 4 von Brahms.