„Ich hab’ die Welt ins Herz gestochen“

von Redaktion

August Zirner und Katalin Zsigmondy bieten mehr als szenische Lesung bei Hebbels Drama „Judith“

Prien – Es war die zweite Station des Theaterfestivals „Dramasuri“ im Eichental, veranstaltet vom Priener Bühnenkunst-Förderverein. Angekündigt war im bunten, funkelnden Theaterzelt an der plätschernden Prien eine szenische Lesung mit August Zirner und seiner Frau Katalin Zsigmondy. Doch was die 180 Zuhörer erwartete, war viel mehr.

Die beiden Schauspieler beschränkten sich nicht darauf, aus Friedrich Hebbels Drama „Judith“ zu lesen. Sie zelebrierten den Text geradezu: geschliffene Bühnensprache mit eindrucksvollen Gesten und viel Leidenschaft bei den Dialogen zwischen Judith und dem Hauptmann der Moabiter, Ephraim, zwischen Judiths Magd Mirza oder den Hauptleuten und Kämmerern des Holofernes. Aber es waren vor allem die Dialoge zwischen Judith und Holofernes, die die Zuhörer fesselten.

Hebbel hatte das Thema der Bibel entnommen und „Judith“ war sein allererstes Drama. Die Uraufführung fand am 6. Juli 1840 am Königlichen Hoftheater in Berlin statt. Zwischen der Uraufführung und der Lesung im Eichental liegen also 177 Jahre. Doch das Thema ist zeitlos, wie die Zuhörer feststellten. Daran hat auch die Emanzipation der Frau nichts geändert. „Es ist töricht, vom Dichter zu verlangen, was Gott selbst nicht darbietet. Versöhnung und Ausgleich der Dissonanzen kann man fordern. Allerdings kann man fordern, dass er die Dissonanzen selbst gebe, um nicht zwischen dem Zufälligen und dem Notwendigen stehen bleibe“, hatte einst Hebbel in sein Tagebuch geschrieben.

Die Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau bildet die Grundkonstellation vieler seiner Dramen, so auch in „Judith“. Zunächst ist es Judiths Neugier auf den schrecklichen, unbesiegbaren Mann, mit dem sie sich messen will. Als sie aber bemerkt, dass sich beide ebenbürtig sind, verliebt sie sich in ihn. Sobald aber umgekehrt Holofernes erkennt, dass Judith mit ihm auf einer Augenhöhe ist, kann er dies nicht ertragen. Er erniedrigt sie, indem er sie vergewaltigt.

Wollte die Hebräerin Judith anfangs als von Gott Gesandte den Feldhauptmann Holofernes der Truppen Nebukadnezars dazu bringen, ihr Volk aus der Belagerung zu befreien, so schlagen nun ihre Gefühle für ihn in Hass um. Sie schlägt ihm den Kopf ab. Es ist jedoch kein Tyrannenmord mehr, sondern Rache.

Die Dialoge zwischen Judith und Holofernes gestalteten August Zirner und Katalin Zsigmondy höchst eindrucksvoll: von der Verachtung für den anderen zu keimenden Gefühlen und gegenseitiger Anerkennung bis zum Eingeständnis der Liebe. Es waren leidenschaftliche, aber auch sensible Gespräche, die zuweilen philosophisch anmuteten.

Beide hatten sich nach einem Gegenüber gesehnt und beide mussten es aus ihrem Rollenverständnis heraus vernichten. „Ich hab’ die Welt ins Herz gestochen“, ruft Judith nach ihrer Tat aus.

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