Wasserburg – Wollte man erschöpfend in allen Einzelheiten vom Wasserburger Klaviersommer berichten, müsste man wohl die vielen Wasserburger Besucher befragen, die bisweilen täglich im Festsaal des Inn-Salzach-Klinikums als Zuhörer teilnahmen. Für einen Gesamteindruck quasi als Mauerschau mochte ein Blick ins Programm Ansätze geben, vornehmlich aber die Präsenz bei Veranstaltungen, welche die Schulung begleiteten, gaben diese doch Aufschluss über Konzept und Zielrichtung dieser Seminarwoche. Gespräche mit Lehrern und Zuhörern ergänzten den Eindruck, und schließlich hatte der abschließende „Marathon“ geholfen, Einzeleindrücke zu vertiefen, zu bestätigen.
Hatte sich die Konzeption des diesjährigen Klaviersommers gegenüber früher verlagert, etwa vertieft? Letzteres wäre zu bejahen, wenn man nicht gar von Verinnerlichung bei den Interpretationen sprechen könnte. Das kam nicht von ungefähr, waren doch viele der Teilnehmer schon wiederholt dabei, hatten als Schüler der Lehrer wie Klaus Kaufmann, Thomas Böckheler, um nur einige zu nennen, Fortschritte erzielt, die sich heuer im Spiel niederschlugen. Da staunte man vor allem, dass die vielen Asiaten des Seminars in den Jahren mit den Europäern gleichgezogen, ja sie sogar an Engagement, Souveränität und mentaler Verinnerlichung hinter sich gelassen hatten – so der Eindruck vom Klaviersommer, wo die Dominanz Asiens sowieso greifbar ist und war.
Schon die Gestaltung der Woche, mit begleitenden Veranstaltungen wie etwa „Die höhere Tochter“ des 19. Jahrhunderts, ein Solokonzert, „Wasserspiele“, Veranstaltungen mit Kindern, verriet, dass man ein breiteres Umfeld ins Auge genommen hatte und das Seminar auch im Kontext der Musikgeschichte verankert wissen wollte: Die „Wasserspiele“ rückten den Blick auf den Klang als selbstständiges Merkmal der Musik, sprich, auf den sogenannten Impressionismus von Chopin, Liszt bis Debussy und Ravel. Dass dabei das virtuose Element nie zu kurz kam, ergab sich von selbst – und es beherrschte auch insgesamt die Woche. Aber die Musik wurde bei den „Wasserspielen“ auf einen einheitlichen Nenner gebracht und das Klavierspiel der Schüler auf ein gemeinsames Ziel gelenkt. Die Performance mutete damit freier an als etwa beim „Marathon“, der letztlich für die Zuhörer zum Wettbewerb der verschiedenen Temperamente wurde, mit Ehrgeiz – und auch mit etwas Lampenfieber.
Eine mitunter allzu bunte Abfolge waren diese vier Stunden für den Besucher, und der Rezensent, gesättigt vom Tastenwirbel, vom sportlichen Aspekt des Virtuosen, konzentrierte sich auf die Klassik unter den Beiträgen. Es war beachtlich, was sich da auftat: ein Schubertsatz, „Les Adieux“ op.81, ja sogar der erste Satz aus op.111 von Beethoven; die „Variations Serieuses“ von Mendelssohn – unüberbietbar an Souveränität, Verinnerlichung des Spiels. Und es waren wiederum Asiaten, die sich in dieser Hoch-Zeit europäischer Musikkultur wie zu Hause fühlten.
Liebesduett als Abwechslung
Während nun der Tastensport weidlich Triumphe feierte, trugen verschiedene Gesangseinlagen zu willkommener Abwechslung bei. Ein an Pavarotti erinnernder Tenor vor der Pause, und nach Opus 111 das Liebesduett aus „Traviata“ unter ebenbürtiger Mitwirkung einer als Diva auftretenden Sängerin – man nahm dies mit Humor, und alle hatten Freude daran.
Die Bedeutung der Klaviermusik für die höhere Tochter im bürgerlichen Haus des 19. Jahrhunderts wurde zu Beginn des Klaviersommers vorgeführt, doch die öffentlichen Ovationen nach dem Tastenwirbel am Konzertflügel zeigen: Das Klavier hat seinen Nimbus im allgemeinen Bewusstsein nicht eingebüßt.