Ein großer Poet am Klavier

von Redaktion

William Youn bei den „Inselkonzerten“ im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee

Herrenchiemsee – Einen Abend voller Schubert-Seligkeit bot der koreanische Pianist William Youn im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstifts Herrenchiemsee im Rahmen der „Inselkonzerte“. Allerdings war die Seligkeit gepanzert mit metallener Entschlossenheit, was die beiden Schubert-Sonaten, die drittletzte in c-Moll D 958 und die letzte in B-Dur D 960, deutlich in Beethoven-Nähe rückte, ein Eindruck, der auch durch die stählerne Härte des Steinway-Flügels und die hallige Akustik verstärkt wurde.

Youn belebt

Schubert

Youn erstirbt nicht vor den Schönheiten Schuberts, sondern belebt diese. Er wandert durch die außerordentlich weite Schubert-Landschaft, erzählt und lässt durch das Erzählen Bilder entstehen, jede Modulation ist wie das Auftauchen einer neuen Lichtung oder wie ein scheinbares Verirren ins Walddickicht. Im Kopfsatz der B-Dur-Sonate ist die Rückkehr zum Hauptthema, und damit zum heimatlichen B-Dur, wie eine aufatmende Heimkehr. Der berühmte Bass-Triller grummelte drohend, die vielen Pausen, dieses Stocken am Rande des endgültigen Verstummens, erfüllte Youn mit Leben.

Die Tempi waren pulsierend richtig, wie im Gleichklang eines leicht erregten Herzens. Das Adagio – wieder stockende Musik – erklang gleichsam im Wiegeschritt, der Mittelteil klang wie ein Männerchor aus einer einsamen Waldkapelle: Eichendorff lässt grüßen. Das Menuetto nahm Youn rhythmisch straff, spritzig und synkopisch schwingend.

Die c-Moll-Sonate gilt als unmittelbare Auseinandersetzung Schuberts mit Beethoven. Youn verstärkte hingegen den typischen Schubert-Ton mit einem melodischen Insistieren im langsamen zweiten Satz, einer nur vordergründigen „Gemütlichkeit“ im dritten und einer fast unheimlichen galoppierenden, fast angstgetriebenen Ruhelosigkeit im Finalsatz – als wenn Schubert fürchtete, sterben zu müssen, wenn die Musik enden würde.

Für den sofort aufbrandenden begeisterten und mit Bravo-Rufen gespickten Beifall gewährte Youn zwei Zugaben: einmal bezaubernd melodiös Liszts Bearbeitung von Schuberts „Ständchen“ und dann ein Mozart-Adagio, das, so sagte Youn, wie Schubert „Lächeln und Tränen zusammenbringe“: Youn blieb auch hier der große Poet.

Wie war’s?

Bernd Westermann aus Schloßberg: Das Konzert hat mir ganz großartig gefallen. Es sind Musikstücke, die ich gut kenne, und trotzdem war es ein ganz originelles Erlebnis. Man hört dann immer wieder Dinge, die man vielleicht bisher nicht so richtig gehört hat. Jedenfalls war es das Gefühl eines ganz eigenartigen, besonderen Erlebnisses, nichts Abgedroschenes, nichts schon mal Dagewesenes: wunderbar! Den Saal finde ich auch sehr schön. Diese ganzen Inselkonzerte sind sehr, sehr schön.

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