Erl – Gustav Kuhn hatte Wagners „Ring des Nibelungen“ von Erl nach Shanghai gebracht, im Gegenzug kam von Shanghai nun das dortige Symphonieorchester ins Festspielhaus Erl mit einem Programm voller chinesischer Musik, meist von süffig-seidigem und süß schmachtendem Klang.
Aaron Avshalomov (1894 bis 1965) ist zwar gebürtiger Russe und in Amerika gestorben, ist aber nach der Oktoberrevolution nach Shanghai gegangen, wo er bis 1947 komponierte und junge Chinesen musikalisch ausbildete. In seinen Werken versuchte er, chinesische musikalische Elemente mit westlichen Kompositionstechniken zu verbinden. Sein Werk mit dem Titel „Hutongs (das heißt: Gassen) of Peking“, ist große pathetische Breitwandmusik für eine Orchestergroßbesetzung mit aufwendigem Schlagwerk, beginnt aber weich flimmernd und endet in flirrendem Pianissimo und ist insgesamt sehr ohrenschmeichelnd.
Das Violinkonzert „Butterfly Lovers“ von He Zhanhao (geboren 1933) und Chen Gang (geboren 1935) erzählt in mehreren Bildern eine Art Romeo-und-Julia-Liebe mit Happyend, die Geige symbolisiert Zhu Yingtai, das Cello ihren Liebhaber Liang Shambo. Schmetterlings-Flügelschlagen, lyrische Gesänge, zum Teil chinesische Melodien, Tanzszenen, dramatisch-bewegte Szenen und Bläserchöre prägen den insgesamt durchaus harmonischen Klang.
Geiger Stefan Tarara
mit süßem Ton
Der junge Geiger Stefan Tarara brillierte und überzeugte mit feinem süßen Ton, viel schluchzenden Portamenti und überbordendem Temperament. Das demonstrierte er noch mal in der frenetisch erklatschten Zugabe, der dritten Solo-Sonate, betitelt „Ballade“, von Eugène Ysaye (1858 bis 1931), die er mit hochartifizieller Virtuosität, mitreißender Bravour bis hin zum wilden End-Ritt und doch auch genauer Phrasierung bot.
Traumgenaues Zusammenspiel
Schon bis hierher konnte man die Disziplin der chinesischen Orchestermusiker bewundern, ihren sehr kompakten Klang, die präzisen Einsätze und das traumgenaue Zusammenspiel der Orchestergruppen. Der soignierte Dirigent Long Yu hatte so keine Mühe, alles gleichsam mit Fingerwinken zu lenken.
Nach der Pause
Schostakowitsch
Nach der Pause wurde er in der fünften Symphonie von Dimitri Schostakowitsch gestisch agiler, das Orchester noch brillanter. Alles kam genauestens gezeichnet, der klagend-fragende Ton genauso wie die schneidend-unerbittliche Schärfe, der ironisch-kecke und schrill-groteske Tanz ebenso wie die zehrend-schmelzende Intensität des Largo-Gesangs, das – vielleicht auch ironische – Pathos ebenso wie die Dies-irae-Vernichtung im Finalsatz, den viele damals für eine Apotheose hielten.
„Freundschaft“
als Zugabe
Für den sofort aufbrandenden, mit Bravo-Rufen durchmischten heftigen Beifall bedankte sich Long Yu auf Deutsch und gewährte eine chinesische Zugabe mit dem Titel „Freundschaft“: ein reines Streicherstück in wieder süffig-seidigem Tonfall.