Eine Sennerin half dem Reichskanzler

von Redaktion

Altbürgermeister Herbert Ohl reflektierte den Lebensweg Georg Graf von Hertlings

Ruhpolding – Was wäre, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nur ihren Urlaub in Ruhpolding verbrächte, sondern auch jede freie Minute, die ihr der politische Alltag zugesteht? Diese Frage stellte sich dem Zuhörer während des tief greifenden Vortrags von Altbürgermeister Herbert Ohl über Professor Dr. Georg Graf von Hertling, der vor etwa hundert Jahren, am 1. November 1917, von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannt wurde. Denn genau diese Situation erlebten Ruhpoldings Bürger, als das politische „Schwergewicht“ seiner Zeit den damals noch verschlafenen Ort am Rauschberg für sich und seine Familie als Rückzugsort und Zweitwohnsitz wählte.

Herbert Ohl berichtete darüber in einem Vortrag in der Alten Schule anlässlich einer Ausstellung über den Politiker unter dem Motto „Als vor 100 Jahren das Deutsche Reich von Ruhpolding aus regiert wurde“.

Ruhpolding seit

1883 Feriendomizil

Dass sich die Hertlings überhaupt in Ruhpolding niederließen, ist dem plötzlichen Tod der jüngsten Tochter Elisabeth nach einem Ferienaufenthalt am Ammersee geschuldet. Um sich nicht jedes Mal den schmerzlichen Erinnerungen aussetzen zu müssen, wählte die Familie auf Empfehlung ihres Hofrates Jochner Ruhpolding als Feriendomizil. Das war 1883, ein Jahr nachdem die Einheitsgemeinde aus Ruhpolding, Zell und Vachenau gebildet worden war.

1886 kaufte von Hertling vom Kaufmann Zeller den „schönsten Platz im Ort“ auf einer Anhöhe im Ortsteil Buchschachen, und bereits 1887 konnte die Familie die herrschaftliche Villa, eingeweiht durch Pfarrer Wilhelm Meißner, beziehen. Sie sollte bis zu seinem Tod 1919 Rückzugsort von der politischen Bühne und späterer Altersruhesitz bleiben. Die Ausführung übertrug er dem versierten Zimmerermeister Haßlberger, der, wie es heißt, in den letzten Jahren alle Neubauten in Ruhpolding und Umgebung übernommen und so Hertlings Vertrauen gewonnen hatte.

Aus der Ehe mit Anna, Freiin von Biegeleben, entstammen fünf Töchter und zwei Söhne, von denen Ludwig, genannt Lupo, 1940 in Griechenland gefallen und ebenso wie sein Vater auf dem Ruhpoldinger Bergfriedhof begraben ist. Aus der Linie der Tochter Maria geht die Schauspielerin Gila von Weitershausen hervor.

Schon während der ersten Wagenfahrt (die Bahnlinie wurde erst 1895 in Betrieb genommen) war das Paar von der beschaulichen Lage, der stattlichen Pfarrkirche und dem „zackigen Felsrücken“ der Hörndlwand beeindruckt, wie Hertling in seinen Erinnerungen notiert.

In dem interessanten Buch, das auch in der Sommerausstellung in der Alten Schule aufliegt, beschreibt Hertling, wie ihm während einer auf eigene Faust unternommenen Tour auf den Rauschberg eine Sennerin aus misslicher Lage half. „Ich hatte mich so verstiegen, dass mich nur der laute Zuruf vor Schlimmeren bewahrte“, schildert der Reichskanzler das Erlebnis, das ihm, der sich als rüstiger Fußgänger beschreibt, als Lehrgeld widerfuhr.

Herbert Ohl, der auch Vorsitzender des Historischen Vereins Ruhpolding ist, bezog geschickt prägnante örtliche Ereignisse in seine Ausführungen mit ein, so 1890 die Schenkung des Zimmermeister-Ehepaars Valentin und Anna Haßlberger ihres Anwesens an die Gemeinde, auf dem das erste Krankenhaus errichtet wurde, die Eröffnung der Lokalbahn Traunstein-Ruhpolding (1895), die Gründung des Spar- und Darlehenskassenvereins (heute VR-Bank), die Gründung der Trachtenvereine der Miesenbacher (1893) und Rauschberger-Zell (1903) und des Historischen Vereins (1908) sowie die Gründung einer Kinderpflegestätte durch Hertlings Gattin Anna im Jahr 1917, das Ohl als schlimmstes Hungerjahr während des Erstenkriegs bezeichnete.

Aber auch über Hertlings wissenschaftlichen Werdegang und die große Politik berichtete der Altbürgermeister, schließlich steht Graf von Hertling auf einer Stufe mit Kanzlern wie Fürst Otto von Bismarck, Max von Baden oder Friedrich Ebert.

Von Hertling studierte Philosophie in München und Berlin, erhielt 1867 in Bonn seine Habilitation (die er jedoch erst Jahre später ausüben konnte), war von 1875 bis 1912 mit Unterbrechung Abgeordneter der Zentrumspartei, gründete 1876 die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland, deren Präsident er bis zu seinem Tod blieb, wurde 1891 lebenslänglicher Reichsrat der Krone Bayerns und war von 1893 bis 1911 Präsident der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst.

1912 berief ihn Prinzregent Luitpold zum Vorsitzenden des Ministerrats, also zum Bayerischen Ministerpräsident und zugleich Außenminister.

Während des Sommerurlaubs in Ruhpolding ereilte ihn 1914 die Attentat-Nachricht auf das österreichische Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Gemahlin. Der nachfolgende Krieg forderte von den 500 eingerückten Ruhpoldinger Männern 130 Opfer, die ihre Heimat nicht wieder sahen.

Am 30. September 1918 zurückgetreten

Zermürbt von den Auseinandersetzungen mit der Militärführung, insbesondere mit General von Ludendorff, von den vergeblichen Friedensbemühungen und gesundheitlich gezeichnet, entließ Kaiser Wilhelm II. am 30. September 1918 seinen Reichskanzler „wegen fehlenden Rückhalts im Reichstag.“ Schon drei Monate später, am 4. Januar 1919, starb Graf von Hertling 76-jährig in Ruhpolding.

Zum Andenken an diesen Staatsmann ist eine Gedenktafel oder ein Gedenkstein am ehemaligen Standplatz der Hertling-Villa geplant. Spätestens im April nächsten Jahres, zu dessen 175. Geburtstag, soll die Enthüllung erfolgen.

Ausstellung zu Georg Graf von Hertling

Zum elften Mal findet heuer die Ausstellung „Begegnungen – Kunst und Gemeinde“ in der Alten Schule in Ruhpolding statt. Neben der Kunst sind diesmal auch historische Ereignisse in Ruhpolding Thema der Ausstellung. Unter dem Motto „Als vor 100 Jahren das Deutsche Reich von Ruhpolding aus regiert wurde“ gibt es eine anschauliche Präsentation mit vielen historischen Fotos und kurzen Texten zu Reichskanzler Georg Graf von Hertling (1843 bis 1919). Geöffnet ist bis einschließlich Sonntag, 3. September, donnerstags und freitags von 16 bis 20 Uhr samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr.

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