Rosenheim – Ein Rosenheimer Bua zu einer preußischen Deern: „Heid gehma auf d Wiesn. Am besten vo Flötzing auf Au ume.“ Nicht jeder Leser dieser Zeitung mag diese Orts- und Richtungsangabe verstehen. Auch das norddeutsche Madl nicht. Daher in Standarddeutsch: „Heute gehen wir auf die Wiesn. Am besten von Flötzing nach Au hinüber“.Wie bitte? Wa?
Nun, am leichtesten ist noch der Begriff „Wiesn“ zu deuten. Nein, nicht nur die Münchner gehen auf d Wiesn, auf die Theresienwiese also, sondern auch die Rosenheimer sagen das so: Sie gehen von Ende August bis Anfang September auf die Loretowiese, also ebenfalls auf d Wiesn. Aber Obacht: Wiesn ist hier Einzahl, nicht Mehrzahl. Nur fürs norddeutsche Mädchen die Erklärung: Im Bairischen verändert sich das – e als Endung eines Hauptwortes meist zu einem n. Hose wird Hosn, Rose wird Rosn.
„Vo Flötzing auf Au umi“: Hiermit sind weder Flötzing bei Schnaitsee noch Au bei Bad Aibling gemeint. Der Rosenheimer Bua machte halt ein kleines Ortsnamenwortspiel mit einigen der hochberühmten Örtlichkeiten auf dem Rosenheimer Herbstfest, nämlich mit dem Bierzelt der Flötzinger Brauerei und mit der Halle des Auerbräu, ansonsten als Inntalhalle bekannt!
Und wie sich zeigen wird, begegnen auf dem Herbstfest Namen, die – natürlich rein zufälligerweise – diese Örtlichkeiten ganz gut charakterisieren.
Also, gleich nach dem Eintreten durch den Haupteingang steht zur Linken das Zelt der Brauerei Flötzinger. Das Flötzinger Zelt ist das größte frei aufbaubare Bierzelt Europas. Es bietet 8500 Gästen Platz! Der Name Flötzinger, vor rund 300 Jahren „Fletzinger“ geschrieben, war laut Homepage der Brauerfamilie Steegmüller der Nachname eines Besitzers der schon 1453 gegründeten Brauerei, nämlich von Georg Fletzinger aus Ramerberg, der die Brauerei im Jahre 1710 aufkaufte.
Die Schreibung „Fletzinger“ führt uns zum bairischen Wort „Fletz“. Dieses entstammt von althochdeutsch „flazzi“, flezzi“, wird im Mittelhochdeutschen zu „vletze“, „fletze“, danach zu „der oder das Fletz“, das noch etwas später im modernen Hochdeutschen zu „Flötz“, auch „Flöz“, gerundet worden ist. Laut Johann Andreas Schmeller bedeutet „Fletz“ in Bayern: „Der gepflasterte oder aus festgestampftem Lehm bestehende Boden der Gänge im Hause“; außerdem, so Schmeller, kann mit „Fletz“ der Hausflur selbst bezeichnet werden, ja sogar die Haustenne! Im weiteren Sinne ist das Fletz oder Flöz ein „ebener Platz“. Wenn das alles nicht zu einem riesigen Bierzelt passt! Eines setzen wir noch drauf: Die junge Generation der Geschäftsführung heißt Steegmüller-Pyhrr. In der antiken Sage von Deukalion und Pyhrra kommt ganz viel Flüssigkeit vor, nämlich eine Sintflut biblischen Ausmaßes. Das könnte man gut von den im Flötzinger massenweise verkauften Bier-Massn vergleichen!
Neben dem Flötzinger Zelt ist die Firma Bierbichler, die auf dem Herbstfest durch ihre Fischspezialitäten überzeugt. Sie scheint einen für ein Bierfest fast zu gut passenden Namen zu haben. Ein „Bierbichler“ als Bewohner einer Anhöhe, eines Bichls, auf dem Bier ausgeschenkt wird? Weit gefehlt! Der Namenforscher Karl Finsterwalder erklärt den sehr ähnlichen Namen „Bierberger“ als: „Birkenberger“.
Beim Stadel „Zum feurigen Tatzlwurm“ und beim Auerbräu liegen wieder Hydronyme, also Flüssigkeitswörter zugrunde. Der Tatzlwurm besteht aus den Wasserfällen am Auerbach oben am Sudelfeld, deren Grollen und Aussehen (Kaskaden von bis zu zehn Meter Länge) einem Lindwurm, Tatzelwurm gleichen könnten. Der Wiesn-Tatzlwurm ist ein Ableger der Hotelgaststätte „Feuriger Tatzlwurm“ an der Sudelfeldstraße.
Namensgeber Johann Auer hätte wohl auch nichts dagegen, wenn man seine Bierhalle, seinem Namen folgend, als „feucht-fröhliche Aue“ bezeichnen würde. Prosit!