Rosenheim – Die Städtische Galerie zeigt bis 19. November die Ausstellung „Vermacht, verfallen, verdrängt . Kunst und Nationalsozialismus“. Damit wird erstmals in der Galerie die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und deren Bedeutung für die Entwicklung der Rosenheimer Kunstsammlung dargestellt. Doch die Ausstellung greift weiter. Sie versteht sich als Dokumentation. „Vom provinziellen Fallbeispiel Rosenheims“ ausgehend versucht sie, die Kunst zur Zeit des Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit begreifbar zu machen, wie Ausstellungskurator Felix Steffan sagt, der seit Jahren die Bestände der Galerie wie auch die Unterlagen im Stadtarchiv Rosenheim erforscht. Im Rahmen der Ausstellung wurde damit auch erstmals die regionale Kunstszene ab den 20er- bis zu den 50er- Jahren kritisch wissenschaftlich aufgearbeitet. Dies geschah maßgeblich in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München. Privatdozent Dr. Christian Fuhrmeister, Spezialist für die Kunst während des Nationalsozialismus, sichtete mit seinen Studierenden Archivalien, untersuchte Werke und brachte die Forschungsergebnisse in die Ausstellung und den umfassenden Katalog mit ein, der damit zu einem der Standardwerke zur Kunst des Nationalsozialismus werden könnte.
Karrieremöglichkeiten im Dritten Reich
Erklärungsbedürftig erscheint der Titel der Ausstellung: Gleich zu Beginn im großen Eingangssaal wird er aufgegriffen: „Vermacht hat der Kunstsammler Max Bram eine große Zahl regionaler Kunstwerke an seine Heimatstadt. Seine Stiftung im Jahr 1904 bildete die Basis für die spätere Sammlungstätigkeit der Stadt Rosenheim. Verfallen ist eine Vielzahl regionaler Künstler der nationalsozialistischen Diktatur. Sie bot ungeahnte Karriereperspektiven, Verdienste und Erfolge. Verdrängt und vergessen wurde nach 1945 der Werdegang vieler Künstler während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.“
Die Ausstellung verurteilt nicht plakativ „Nazikunst“. „Es wäre falsch, diese Werke nur als fehlgeleitete NS-Kunst zu kategorisieren und ungezeigt in den Keller zu verbannen. Weder sind die Ausstellungsstücke einfach nur schöne Gemälde oder gar politisch harmlos, noch können sie per se als ideologiegetriebene Werke ohne kunsthistorischen Wert klassifiziert werden“, betonen Ausstellungskurator Felix Steffan und Galerieleiterin Monika Hauser-Mair. Sie machen in der Ausstellung sichtbar, dass die Kunstproduktion zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft sehr vielschichtig war. Dass Nazikunst nicht plötzlich entstand und auch nicht unbedingt offensichtlich rassistische oder nationalistische Themen in den Vordergrund stellte oder zu Bildmotiven machte. Es dominierte bei den Motiven die Landschaft oder das Stillleben. Viele der Künstler waren schon vor 1933 erfolgreiche Maler, manche konnten ihre Karriere auch nach 1945 fortsetzen.
Erfolge
nach 1945
Auch wenn die von den Nazis anerkannte und geförderte Kunst nach 1945 zum Großteil als „Unkunst“ galt und kunsthistorisch bis heute kaum aufgearbeitet wurde, ist es nicht unproblematisch, sie heute als Kunst zu präsentieren, ohne auf den Kontext ihrer Entstehung hinzuweisen. Dies erfüllt die Ausstellung. Dennoch besteht die Gefahr der Relativierung und Beschönigung dieser künstlerischen Erzeugnisse. Besonders im regionalen Kunstmarkt wurden die zwar von der Kunstgeschichte vergessenen Maler der Nazizeit, den im Dritten Reich verfemten Malern vorgezogen, wie man an ihren Erfolgen nach 1945 sehen kann.
Bei den meisten der ausgestellten Künstler handelt es sich um angesehene Persönlichkeiten, deren erste regionale und nationale Erfolge nicht auf die Politik des Nationalsozialismus zurückzuführen sind. Das Dritte Reich bot ihnen jedoch Möglichkeiten, ihre bisherigen künstlerischen Erfolge durch die Beteiligung an ideologiekonformen Ausstellungen um ein Vielfaches zu übertreffen. Bekannte Rosenheimer Künstler oder mit Rosenheim eng verbundene Künstler, wie Hans Müller-Schnuttenbach und Anton Müller-Wischin, gehörten zu den erfolgreichsten Teilnehmern an der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München in den Jahren 1937 bis 1944. Zum Rosenheimer Umfeld zählen auch Künstler wie Sepp Hilz, Constantin Gerhardinger, Oskar Martin-Amorbach, Rudolf Sieck, Leo von Welden oder Brynolf Wennerberg.
In der Ausstellung erfährt man, in welchem Maße in Rosenheim ansässige Künstler zu den Profiteuren des Kunstbetriebes im Dritten Reich gehörten. So erhält Constantin Gerhardinger in den Jahren 1938 und 1939 für den Verkauf seiner Gemälde „Feierabend“ an Adolf Hitler und „Dämmerstunde“ an Joseph Goebbels je 23 000 Reichsmark. Anton Müller-Wischin erzielt mit dem Verkauf von insgesamt 37 Ölgemälden eine Gesamtsumme von 232 600 Reichsmark. Und der Aiblinger Künstler Sepp Hilz verdient zwischen 1939 und 1944 mit dem Verkauf von nur 13 großformatigen Bildern an die nationalsozialistische Führungsriege insgesamt 371 000 Reichsmark. Für seine teuersten Verkäufe – das Bild „Zauberei im Herbst“ an Hermann Göring und das Bild „Eva“ an Adolf Hitler – erhält er je 45000 Reichsmark. Im direkten Vergleich dazu verdient Hans Müller-Schnuttenbach, der mit 56 Werken der meistausgestellte Künstler der Großen Deutschen Kunstausstellungen ist, verhältnismäßig wenig: So erhält er für den Verkauf von 23 kleinformatiger Ölbildern, Zeichnungen und Aquarellen eine Gesamtsumme von 38 500 Reichsmark.
Über die Entstehung derStädtischen Galerie
Der große Eingangssaal ist gleichzeitig Ausgangspunkt und Endpunkt, der didaktisch mit übersichtlichen, informativen Texttafeln, mit Fotografien aus der damaligen Zeit und den entsprechenden Gemälden aus dem umfangreichen Depot der Galerie ausgestatteten Ausstellung. Sind Chiemseemaler wie Hiasl Maier-Erding und Maler der Münchner Schule wie Franz von Defregger oder auch der angrenzend gezeigte Rosenheimer Maler Anton Kerschbaumer, der 1931 starb, zeitliche Vorläufer, so endet die Schau mit dem im Nationalsozialismus verfemten Brannenburger Künstlerpaar Karl Caspar und Maria Caspar-Filser, deren Werke ab dem Ende der 1950er-Jahre regelmäßig in Rosenheim zu sehen waren.
Die Ausstellung zeigt nicht nur Gemälde, sondern widmet sich im Raum drei der mit Skizzen und Fotografien der Entstehung der Städtischen Galerie in den Jahren 1935 bis 1937 und auch Gleichschaltung des Kunstvereins unter dem neuen Vorsitzenden Dr. Erich Holper, der den Bau der Galerie vorantreibt.
Direkt mit der Kunst im Dritten Reich beschäftigt sich der Raum vier mit einem „typisch“ erscheinenden Motiv einer nackten bäuerlichen Schönheit auf dem Bild „Im Atelier“ von Oskar Martin-Amorbach, der von 1923 bis zu seinem Tod 1989 nicht nur in seiner fränkischen Heimat, sondern auch auf dem Samerberg wohnte.
Einige Räume sind direkt einzelnen Malern gewidmet wie Constantin Gerhardinger, der noch 1968 Rosenheims Ehrenbürger wurde und 1970 der Stadt Rosenheim 155 seiner Werke vermachte. Im Mai 1950 schloss Hans Müller-Schnuttenbach mit der Stadt Rosenheim einen Leibrentenvertrag. Darin garantierte die Stadt dem Künstler einen „gesicherten Lebensabend“ in Form einer Unterkunft, medizinischer Versorgung, täglicher Mahlzeiten sowie einer wöchentlichen Zugehfrau. Im Gegenzug erklärt sich der Maler bereit, der Stadt Rosenheim 400 seiner Werke zu übereignen. Darüber hinaus bestimmte er, dass alle in Zukunft von ihm geschaffenen Werke der Stadt Rosenheim vermächtnisweise zufallen sollen. Als Hans Müller-Schnuttenbach im Jahr 1973 alleinstehend und ohne Nachkommen in seiner Wahlheimat Rosenheim stirbt, übernahm die Stadt seinen umfassenden Nachlass. Heute befinden sich nahezu 1400 Werke Müller-Schnuttenbachs in den Rosenheimer Beständen. Mit einem Blick in ein nachgebautes Depot endet die nicht nur für Rosenheim und Rosenheimer wichtige und sehenswerte Schau.
Zwischen Kunst
und Unkunst?
Die Ausstellung klärt über die Künstler, deren Anpassung an die Mächtigen oder gar deren aktive Unterstützung des Nationalsozialismus auf. Bei aller kritischen Aufarbeitung wird aber in der Ausstellung selbst kein klares Urteil über Kunst und Unkunst, Schuld und Unschuld von Kunst und Künstlern gefällt. Das wird, wenn dies überhaupt möglich ist, dem Besucher überlassen. Wer sich auch deshalb noch weiter mit der Materie befassen will, dem sei dringend zum Kauf des hervorragenden Katalogs geraten. Hier wird detailliert auf das Thema „Kunst und Nationalsozialismus“ und auf die Künstler aus der Rosenheimer Region eingegangen.
Geöffnet ist die Ausstellung bis 19. November, dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags, sowie am 3., 27. und 31. Oktober von 13 bis 17 Uhr. Weitere Informationen unter Telefon 08031/ 3651447 und staedtische-galerie@rosenheim.de.,