Interview

Auf der Couch quer durch Deutschland

von Redaktion

90-mal Couchsurfen: Rached Kaiser hat ein Buch über seine ungewöhnliche Deutschlandreise geschrieben

Kolbermoor – Eineinhalb Jahre lang reiste der Kolbermoorer Rached Kaiser (39) mit einem VW-Bus durch Deutschland von einer Couch zur nächsten. Vor kurzem erschien sein Buch „Couchsurfen das Experiment: Wirklich ein bequemes Sofa?!“ mit den Geschichten seiner zwölf kuriosesten Begegnungen. Gestern wurde er dafür auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Tolino-Buch- und Konzeptpreis ausgezeichnet.

Sind Sie immer noch von einer Couch zur nächsten unterwegs?

Rached Kaiser: Nein, ich lebe seit 2016 in Kolbermoor.

Wieso gerade Kolbermoor?

Ich wohnte 16 Jahre in Großstädten, in Hamburg, Berlin und München und wollte wieder aufs Land. Ich bin durch einen Bekannten hierhergekommen. Außerdem bin ich auch in der Region aufgewachsen. Schon als Sechsjähriger kam ich ins Internat nach Altenhohenau bei Griesstätt. Später war ich von der 8. bis zur 11. Klasse im Internat in Marquartstein, lebte dann zwei Jahre in Rosenheim, machte hier mein Abitur am Finsterwalder-Gymnasium und später eine Lehre als Industriekaufmann bei Büromöbel Werndl.

Wie sind Sie auf das Couchsurfen gekommen?

Ich war bei Warsteiner im Marketing und Vertrieb tätig und habe mir dann 2010 eineinhalb Jahre Auszeit genommen. Ich konnte das finanziell überbrücken. Ich habe dann im Uhrzeigersinn ganz Deutschland mit einem VW-Bus durchfahren. Da hatte ich auch ein Bett drin als alternativen Schlafplatz, für den Fall, dass ich über die Couchsurfing-Plattform im Internet keine Unterkunft gefunden hätte. Ein Freund hatte mich auf diese ungewöhnliche Unterbringungsmöglichkeit aufmerksam gemacht. Aus dem normalen Couchsurfing habe ich dann ein Experiment gemacht. Schuld daran war mein erstes Couchsurfing-Erlebnis. Ich habe mir Regeln für meine Reise auferlegt. Insgesamt übernachtete ich 90-mal bei verschiedenen Gastgebern. Im Buch erzähle ich von den zwölf unterhaltsamsten Begegnungen. Die Orte, die Namen, die Berufe der Gastgeber habe ich verändert wegen des Datenschutzes.

Was waren Ihre wichtigsten Regeln?

Normalerweise sucht man sich ja vorher seine Zielgruppe aus. Aber ich habe es nach dem Zufallsprinzip gemacht. Der Erste, der sich meldete, den habe ich genommen. Unter normalen Umständen hätte man oft abgesagt. Ich musste nach meinen Kriterien auch zwei Tage bleiben. Auch wenn es mir nicht gefallen hat.

Erst sieben Jahre danach ist jetzt Ihr Buch erschienen. Wieso?

Viele meiner Bekannten wollten wissen, was ich erlebt habe. Denen habe ich dann Anekdoten erzählt. Dann kam die Anregung, ich sollte doch ein Buch darüber schreiben. Vier Jahre später machte ich mich endlich dran. Die Geschichten waren eh im Kopf. Es war nicht geplant. Ich hatte mir auch keine Notizen gemacht.

Konnten Sie sich das alles merken?

Ja. Natürlich nicht die Gespräche wortwörtlich. Im Wesentlichen geht es um die Kernaussagen.

Was haben Sie erlebt?

Ich durfte die skurrilsten Abenteuer erleben. Der härteste Fall war mit zwei Kindern. Im Nachhinein war das eine der besten Begegnungen mit einem traurigen Abschied. Viele Geschichten sind zum Nachdenken, wie diese mit der alten Dame, die meinte, die ganze Menschheit sei krank. Sie litt immer unter sexuellen Übergriffen.

Haben Sie heute noch mit einigen der Personen in Ihrem Buch Kontakt?

Ja, mit einigen habe ich noch gute Kontakte wie mit Jannis von der ersten Geschichte. Mit ihm habe ich noch kürzlich telefoniert. Der hat sich zu damals stark verändert. Er ist Vater geworden, hat seine Suche nach Lichtnahrung aufgegeben, lebt nicht mehr vegan und isst wieder Fleisch.

Hat Sie Ihre Reise verändert?

Ich habe mich während der Reise extrem verändert. Ich rauche nicht mehr, trinke nicht mehr und bin Vegetarier geworden. Ich habe dabei viele alternative Leute kennengelernt, weniger Betriebswirtschaftler und Juristen, eher Sozialpädagogen, Lehrer. Das ist schon eine bestimmte Szene bei den Couch-Surfern. Es waren viele menschliche Begegnungen. Das hat mich selbst weitergebracht. Ich habe auch etwas Demut gelernt, habe erlebt wie jeder Mensch um sein Leben kämpft, habe viele Schicksalsschläge kennengelernt.

Können Sie das Couchsurfen empfehlen?

Ich würde das jedem empfehlen. Dass man so reist, aber auch, dass man es anbietet. Man lernt neue Menschen kennen, und es sind meist weltoffene Menschen. Viele von denen sagen: Ich kann nicht in den Urlaub, so hol ich mir die Welt zu mir. Als ich dann in Hamburg lebte, hatte ich selbst auch viele Couchsurfer bei mir zu Gast, etwa aus Riga und Island.

Was machen Sie heute?

Jetzt bin ich Startup-Berater und habe zwei eigene Unternehmen. Für mein Buch, bei dem ich praktisch alles selber gemacht hab, habe ich sogar einen eigenen Verlag gegründet.

Rached Kaiser: „Couchsurfen das Experiment: Wirklich ein bequemes Sofa?!“, Erzählungen, 209 Seiten, 2017, Kaiser-Verlag, ISBN 978-3-00-056171-9, 12,90 Euro

Interview: Raimund Feichtner

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