Rosenheim – Seine Lesung in der Stadtbibliothek stand unter dem Motto „Alles rennet, rettet, flüchtet“, einem Zitat aus Schillers „Das Lied von der Glocke“. Für diesen zweistündigen „Streifzug durch die Völkerwanderung“ hatte Michael Skasa die Weltliteratur bezüglich Heimat und Vertreibung, Flucht und Fremde durchforstet.
Skasa, der vier Jahrzehnte Autor der Sonntagsbeilage für den bayerischen Rundfunk war, präsentierte den zahlreichen Hörern einen zum Nachdenken anregenden, mit passenden Musikstücken angereicherten Abend. Bereits seine zungenbrecherische Aufzählung von Journalisten, Moderatoren und Fußballern, deren Name eine ausländische Herkunft verrät, offenbarte die kulturelle Vielfalt in Deutschland. „Auch Skasa ist kein rasserein deutscher Name“, gestand der gebürtige Kölner mit trockenem Humor.
Seit Flüchtlinge bei uns im Fernsehen auftauchten, die über das Mittelmeer kommen, sei das Thema präsent, so Skasa. Doch das „Aufbrechen zu neuen Ufern“ habe es in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben. „Es gibt keinen ererbten Anspruch auf das eigene Stubenhocken“, erklärte Skasa. Mit seiner literarisch-historischen Blütenlese schlug der Moderator einen großen Bogen von der Bibel bis in die Neuzeit. Eigentlich seien Kain und Abel die ersten Heimatvertriebenen gewesen, natürlich auch Noah mit seiner Arche und die Israeliten, die vor den Ägyptern durch das Rote Meer flohen. „Es gab ein permanentes Fliehen von Land zu Land“, so Skasa.
Dass die Geschichte Europas mit der Verschleppung einer syrischen Königstochter beginnt, war ein interessanter Aspekt. Außerdem hätten Syrer und Germanen einst zu einem Weltreich gehört. „Entweder wurde ihnen die Welt zu eng oder man hat sie gegen ihren Willen verschleppt“, begründete Skasa die vielen Berichte vom Verlust der Heimat, etwa Homers berühmte „Odyssee“. Johnny Cashs anrührendes Lied „Wo ist zu Hause, Mama?“ machte deutlich, dass es ein geografisches „Zu Hause“ eigentlich gar nicht gibt.
Natürlich bestünde auch Bayern aus vielen Volksstämmen, darunter laut Skasa „Kelten, Bajuwaren, Hunnen“. Die Völkerwanderung habe bewirkt, dass auf der iberischen Halbinsel blonde, blauäugige Katalanen leben. Briefe von nach Amerika ausgewanderten Deutschen Mitte des 19. Jahrhunderts zeigten, dass Ideal und Wirklichkeit oft weit auseinander klafften. Da spendete auch die herzergreifende Vision von „Mussi denn zum Städtele hinaus“ keinen Trost.
Zitate aus Hitlers „Mein Kampf“ stellten den Stumpfsinn der Nazi-Ideologie bloß. Den „blindwütigen Blöd- sinnstext“ Hitlers sprach Skasa martialisch mit dunkel rollendem R. Zum Glück habe es aber auch mal tolerante Herrscher gegeben wie Alfons von Spanien, unter dessen Regierung Christen, Juden und Muslime friedlich nebeneinander lebten. Gegen Ende wurde Skasa chronologisch immer sprunghafter. Texte von Rückert und Schiller, Valentin und Goethe lieferten viel Stoff zum Nachdenken. Zum Abschied gab Skasa dem Publikum die dritte Strophe der deutschen Nationalhymne auf den Weg. Für seinen scharfsinnigen intellektuellen Funkenflug erhielt der Moderator anhaltenden Applaus.