Pointen wie zu Hildebrandts Zeiten

von Redaktion

Max Uthoff brilliert solo bei den Rosenheimer Kleinkunsttagen

Rosenheim – Als Maximilian Uthoff, Jurist mit zweitem Staatsexamen, vor Jahren bei den Rosenheimer Kleinkunsttagen debütierte, geschah dies noch im Rahmen eines „Brettls“ mit verschiedenen anderen Künstlern. Spätestens seit der Übernahme der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ gemeinsam mit Klaus von Wagner und in der Nachfolge von Urban Priol und Hans Markus Barwasser alias Erwin Pelzig führt er die Riege des deutschsprachigen Politkabaretts an. Dementsprechend groß und voller Erwartung war auch die Resonanz in Rosenheim im ausverkauften Ballhaus.

Und Uthoff zog vom Leder und feuerte ein wahres Feuerwerk an Kommentaren, Schlussfolgerungen und Pointen ab, wie man dies seit den Zeiten von Dieter Hildebrandt nur selten gehört hat. „Es gibt keine Armen, sondern nur Einkommensunerfahrene“, „Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder hat einen Amboss“ – mit derartigen Zitaten eröffnete Uthoff sein starkes Programm und verkündete damit auch gleich den roten Faden des Abends: das Fortschreiten von Kapitalismus und Neoliberalismus auf breiter Front in der Welt sowie in Deutschland und Europa und damit die Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung, verbunden mit erheblicher wirtschaftlicher Ungleichheit. Uthoff nannte als Eckdatum das Jahr 1973 und die Verhandlungen von Bretton Woods als Startschuss für eine nie gekannte Konzentration von Vermögen, flankiert von immer neuen Kunstprodukten in der Finanzwelt. Einzelpersonen wie Donald Rumsfeld, Dick Cheney und Maggie Thatcher forcierten das Programm, in Deutschland sei Gerhard Schröder ein „nützlicher Trottel“ gewesen, mit einer „Selbstkritik wie ein Bonobo in der Brunftzeit“.

Nicht „Aussitzen“, sondern„Pfahlhocken“

Uthoff nahm – mit Ausnahme der Linken – die aktuelle Parteienlandschaft aufs Korn und bezeichnete die Strategie der Kanzlerin nicht mehr nur als „Aussitzen“, sondern als „Pfahlhocken“. Der ursprüngliche Schulz-Hype sei durch die Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen zu erklären, denen sich die „Schweinereien der SPD gegenüber der arbeitenden Bevölkerung noch nicht tief genug eingebrannt haben.“ Auch die Grünen seien inzwischen „so schwarz, dass sie im Kohlenkeller Schatten werfen“, so der überzeugend agierende Solokabarettist.

FDP eine marxistische

Splittergruppe

Den Wahlerfolg der FDP bezeichnete er als „Nacht der leitenden Reichen“ und bezüglich der AfD und deren Vorsitzendem Gauland klagte er „wo ist denn der Mossad, wenn man ihn wirklich braucht“. Angesichts der Forderungen der AfD nach einer Abschaffung der Erbschaftssteuer sei sogar die FDP eine „marxistische Splittergruppe“. Abschiebungspraxis und Schuldenpolitik der EU waren ebenso Thema wie der Kapitalismus als Religionsersatz.

Besonders geschliffen und präzise brachte Uthoff politische Sprachkritik an, auf die er immer wieder zurückkam: „65 Jahre wird jetzt schon die Bildzeitung ausgeliefert, und jetzt regen wir uns auf über Fake News“. Verbunden mit einem zynischen Sprachgebrauch würden Menschen in unserer Gesellschaft immer noch weiter diskreditiert, so Uthoff. So würden Menschen, die eigentlich „ökonomisch schwach“ seien, im sprachlich diskriminierenden Rundumschlag als „sozial schwach“ bezeichnet. Uthoff nannte für den sprachlich und journalistisch inhumanen Umgang mit Arbeitslosen weitere erstaunliche Textbelege aus Printmedien und Fernsehen und mahnte: „Achten Sie genau auf die Begriffe!“ In der Verbindung von politischer und sprachlicher Analyse, der zynischen Schärfe seiner Kommentare und der wirkungsvoll gesetzten Pointen erwies sich Uthoff als brillanter Vertreter des politischen Kabaretts und als Erbe Dieter Hildebrandts.

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