Neubeuern – Franz Liszt wird oft mit pompösen Virtuosenstücken in Verbindung gebracht. Dass der Komponist aber auch ein Bewunderer der kunstvoll schlichten Lieder Schuberts war, zeigte Pianistin Ragna Schirmer im Schlosssaal von Neubeuern. Anstelle des erkrankten Till Fellner gestaltete sie einen Klavierabend, der ganz im Zeichen Schuberts stand.
Zunächst spielte die Pianistin zwei Stücke aus den „années de Pélerinage“ von Liszt, dessen zweites Stück „Vallée d´Obermann“ durch die Lektüre eines damals viel bewunderten Briefromans angeregt wurde. Schirmer, die zu den einzelnen Werken immer eine kurze, hilfreiche Einführung gab, interpretierte das „1. Jahr: Schweiz“ mit großer Klangfülle. Die perlenden Tonkaskaden des Klaviers klangen hell und klar wie ein Bergquell, die lyrischen Passagen spielte die Pianistin zart und ausdrucksvoll. Beeindruckend war der häufige Wechsel zwischen wuchtiger Dramatik und leisen poetischem Einschüben, die eine schwärmerische Naturbewunderung auszudrücken schienen.
Bei der Bearbeitung der Schubert-Lieder, von denen Ragna Schirmer vier Lieder darbot, hat Liszt die instrumentale Einkleidung dem Gesanglichen weit untergeordnet. In seinen Transkriptionen verband der Komponist Gesangsstimme mit Klavierbegleitung, was Schirmer als eine knifflige Aufgabe bezeichnete. Zugleich machte er das poetische Bild eines Liedes tonmalerisch anschaulich. Voller ergreifender Melodramatik war der „Erlkönig“, dessen Begleitthema Liszt mit zusätzlichen Akkorden versehen hat, poetisch übermütig wirkte das „Ständchen“, dessen träumerische Lyrismen echoartig nachklangen. Das „Gretchen am Spinnrad“ strahlte durch die sich immer wiederholende monotone Begleitung der traurigen Melodie einen betörenden Zauber aus.
Als Schuberts schönste Sonate bezeichnete die Pianistin die G-Dur Sonate op. 78 D 894, die nach der Pause auf dem Programm stand. Bereits im ersten Satz, einem mit „Molto moderato e cantabile“ überschriebenen Musikstück, gelang es ihr, eine fast hörbare Ruhe zu erzeugen. Die satte Klangfülle ihres gleichmäßig dahinfließenden Spiels mit behutsam gesetzten Pausen bedeutete einen großen Hörgenuss. Herrlich klangen die weit ausschwingenden Melodiebögen und der liebliche Gesang des Seitenthemas, zu Herzen ging das liedhaft schlichte Andante.
Kraftvoll und energisch interpretierte die Pianistin das Menuett im dritten Satz, mit viel Gefühl schließlich das nach einer lustigen Coda leise verklingende Allegretto mit seinem unerschöpflichen Reichtum der Melodien und Klangfarben.
Nach diesem unüberbietbaren lyrischen Klangzauber verzichtete Ragna Schirmer trotz des minutenlangen rhythmischen Beifalls wohlweislich auf eine Zugabe, die sich mancher Zuhörer noch erhofft hatte.