Zwischen Rührung und Komik

von Redaktion

Volksbühne Rosenheim St. Nikolaus spielt „Honig im Kopf“

Rosenheim –Der Film „Honig im Kopf“ war höchst erfolgreich, obwohl er ein ernstes Thema hatte: die Alzheimer-Krankheit. Aus dem Drehbuch von Hilli Martinek und Till Schweiger hat Florian Battermann ein Bühnenstück destilliert, das die Volksbühne Rosenheim St. Nikolaus für ihr Herbststück im Künstlerhof am Ludwigsplatz ausgewählt hatte, natürlich in bairischer Sprache.

Nicht unumstritten war die Wahl dieses Stücks innerhalb des Theatervereins. Aber Regisseur Peter Kirmair, der dieses Stück unbedingt gewollt hatte, brachte es auf den Punkt: „Alzheimer ist eine Volkskrankheit, wir sind eine Volksbühne, da kann man sowas auch mal spielen.“

„Sowas“ wurde zum umjubelten Premierenerfolg und zu einem der stärksten Stücke der „Nikoläuser“ überhaupt in den letzten Jahren. Und „auch mal“ sollte umgewandelt in „immer öfter“. Das Premierenpublikum war von Anfang an von dieser Geschichte gepackt, ging emotional sogleich mit, spendete sehr oft Zwischenapplaus und benutzte am Ende fleißig die Tücher, die liebevoll in einem mit einem Venedig-Bild und Italienfähnchen geschmückten Behälter auf den Tischen steckten. Sogar dem Rezensenten rannen am Ende die Tränen über die Wangen: Weinen ist oft seelenreinigender als Schenkelklopfen.

Peter Kirmair hat die Geschichte von dem an Alzheimer erkrankten Opa und dessen Enkelin Tilda, die zusammen nach Venedig ausreißen, wo der Opa seiner Frau einen Heiratsantrag gemacht hatte, flüssig inszeniert. Immerhin waren es 26 schnell hintereinander folgende Bilder. Deswegen war die Bühne recht reduziert (Thomas Watzlawick, Franz Grießl) und auf schnelle Umbauten geeicht. In den nächsten Aufführungen werden diese dann noch flotter gehen. Gleichzeitig gab diese schnelle Bilderfolge, diese fast filmische Dramaturgie, der Handlung einen dramatisch-soghaften Zug, der die Spannung ständig unter Strom hielt. Und gleichzeitig stellte diese Bühnenbild-Reduzierung die Schauspieler ins Rampenlicht.

Vor allem die 13-jährige Rosalie Stadler, die die Tilda spielt, die „Principessa“, wie der Opa sie immer liebevoll nennt, die alles in Rückblende aus ihrem Tagebuch erzählt. Und wahrlich entpuppt sich dieses unbekümmerte junge Mädchen als kleine Principessa der Schauspielkunst, so frisch, so herzhaft, so lebendig-frei und natürlich spielte sie, verlor sich nie in gefühlige Sentimentalität.

Mit Hannes Ginthör als alzheimerisch-vergesslichem Opa bildete sie ein herzanrührendes Paar. Als beide zusammen auf der Bank am Lido in Venedig sitzen, er sie schon nicht mehr erkennt, sie ihm aber den Brief vorliest, in dem er genau diesen Moment vorgeahnt hatte, fließen im Publikum reichlich die Tränen. Hannes Ginthör hatte mit Schlurfschritt, Stoppelkopf und listigem Ausdruck noch etwas vom verkauften Großvater aus früheren Aufführungen an sich, spielte die komischen Momente köstlich und herzerwärmend-bannend die tragischen Momente.

Robert Mayr und Angelika Heigermoser als Tildas Eltern schafften sehr gut den Übergang vom Dauer-Streitpaar zur ehelichen Versöhnung. Gerade Angelika Heigermoser mal nicht als ewiges bayerisches Dirndl im ewigen Dirndlgwand zu sehen, sondern als moderne Frau, war eine angenehme Überraschung. Richard Martl, der auch mit Regie führte, machte aus dem bairisch und südtirolerisch sprechenden türkischen Bahnhofsputzmann ein komödiantisches Kabinettstückchen, und in Emanuel Notarangelo konnten die „Nikoläuser“ als Hotelportier sogar einen italienisch sprechenden Italiener aufbieten.

Viel gewagt und

alles gewonnen

Die Volksbühne St. Nikolaus hat viel gewagt und alles gewonnen: endlich ein Stück in der Jetztzeit, und dann noch eins mit einem sehr ernsten Jetzt-Thema, bei dem sich Ernst und Komik, wie im wirklichen Leben, die Waage halten. Gratulation! Und wer, wie im wirklichen Leben, viel lachen und manchmal weinen will, soll hingehen und es sich anschauen.

Weitere Aufführungen

Gespielt wird das Stück bis zum 25. November jeweils Freitag und Samstag um 20 Uhr im Künstlerhof am Ludwigsplatz, dazu am Sonntag, 19. November, um 18 Uhr und am Dienstag, 21. November, um 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf im Ticketzentrum Rosenheim am Busbahnhof, Stollstraße 1, oder unter Telefon 08031/ 15001 sowie an der Abendkasse.

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