Prien – Nun mögen zwar – namentlich in einem Fremdenverkehrszentrum wie Prien – die Erwartungen an einen „Heimatabend“ alter Prägung mit gewissen Klischees verbunden sein. Und doch hatte der Ludwig-Thoma-Chor unter diesem Motto eingeladen und erfreulich viel einheimisches, neugieriges Publikum in den König-Ludwig-Saal gelockt.
Schon das Auftrittslied („Du bi du bi du“), das der Chor, aus der Bühnentiefe kommend, anstimmte, signalisierte dem Publikum, dass mit allen denkbaren ironischen Brechungen eventuell vorhandener Klischee-Erwartungen zu rechnen sei und man auf höchst lustvolles Musizieren gespannt sein durfte.
Chorleiter Sebastian Weyerer hatte ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm zusammengestellt, das die Zuhörer wiederholt zu Szenenapplaus und gegen Ende zu regelrechten Beifallsstürmen mitriss. Entsprechend voluminös fiel der Blumenstrauß als Dank des Chores an seinen Leiter aus. Man spürte, dass für Sebastian Weyerer, wie er selbst immer wieder betont, die Arbeit mit „seinem“ Chor, den er seit 2004 aufgebaut hat, ein wahrer Jungbrunnen ist. Aber Weyerer weiß auch, was er in seinen Eigenkompositionen seinem Chor an heiklen Einsätzen, an gewagten Harmonien, weiten Melodiebögen, an Höhen und Tiefen zumuten kann.
So standen im Zentrum des ersten Teils des Abends drei „Welturaufführungen“: Vertonungen lyrischer Texte der Priener Schriftstellerin Sabine Rosenberg, in denen sie jahreszeitliche Impressionen am Chiemsee in bunten, ausdrucksstarken Naturbildern thematisiert. Die Dichterin war anwesend und gerne bereit, einen ihrer Texte selbst vorzutragen. Die musikalische Umsetzung hat die vielen wechselnden Naturstimmungen in faszinierenden Klangfarben und raffinierten Lautmalereien (das Entengeschnatter, das Plätschern der Wellen, die tanzenden Mückenschwärme, das Tuckern des Frachtschiffs) herausgearbeitet, forderte von den Zuhörern einerseits hohe Aufmerksamkeit, überraschte sie aber auch mit einer ungeahnten Melodienfülle.
Hier vor allem zeigte sich die A-cappella-geschulte Fähigkeit des Chors zu differenzierter dynamischer Gestaltung und zu Intonationssicherheit auch in schwierigen dissonanten Passagen.
Dazwischen gestreut waren traditionelle Volksweisen, vorgetragen vom souverän aufspielenden Chiemgauer Saitenensemble und den Schwarzenstoaner Sängerinnen, die beide in gewohnter rhythmischer Präzision, in der Leichtigkeit und Intensität der Tongebung für die zarteren Töne zuständig waren.
Und Geschichten von Ludwig Thoma
Das Programm wurde aber auch gegliedert und aufgelockert von zwei Wortbeiträgen aus der Sammlung „Agricola“ von Ludwig Thoma, in denen Monika und Markus Kinzelmann und Dr. Wolfgang Bachleitner zu ganz beachtlicher schauspielerischer Vortragskunst fanden und die von Ludwig Thoma karikaturistisch zugespitzten Situationen und Charaktere in einer Lebendigkeit und Treffsicherheit wiedergaben die manchen, wie Ludwig Thoma gesagt hätte, „Ju-Schrei“ auslöste.
Ein besonderes Vergnügen ist immer wieder Sebastian Weyerers „anderer Jennerwein“, eine herrliche Parodie auf den hinreichend bekannten Wilderer-Mythos, in dem nicht nur der eine feige Jager, sondern gleich die ganze Zunft aller Jäger und auch noch aller Förster dazu über alle Berge hinaus zum Teufel geht und in einem unbandigen schadenfrohen Gelächter dem Luzifer verfällt.
Der vergnügliche Spannungsbogen endete in ein ganz schlichtes zu Herzen gehendes Mitsing-Lied: „Prien, Prien, Prien am Bayerischen Meer … ich lieb dich so sehr“, das gewiss – bei entsprechender Empathie – das Zeug hat zur künftigen Priener Lokal-Hymne.
Das Publikum forderte in lang anhaltendem Beifall Zugaben und ließ sich vom Chor gerne und dankbar mit dem Bozener Bergsteiger-Marsch und kräftigem Ra-ta-tam den Rausschmeißer-Marsch blasen.