…und es werde Licht

von Redaktion

Installation „Raumtaster“ von Kerstin Ergenzinger in Rosenheimer Heilig-Geist-Kirche

Rosenheim – Zwei verschieden breite Lichtstrahlen geistern durch den intimen spätgotischen Kirchenbau in der Rosenheimer Fußgängerzone hinter dem Gasthaus Stockhammer. In dem zur Kirchenstiftung St. Nikolaus gehörigen Gotteshaus, das sich 1499 der Bierbrauer Hans Stier an seinem Wohnhaus hat erbauen lassen, werfen Projektoren ihr Weißlicht auf ausgesuchte Flächen des gewölbten Bauwerks.

Kuratiert von Dr. Ulrich Schäfert und Maximilian Erbacher, gebürtiger Rosenheimer vom Jahrgang 1970 und ehemaliger Schüler des hiesigen Ignaz-Günther-Gymnasiums, zeigt hier die Berliner Künstlerin Kerstin Ergenzinger ihre Licht-Installation „Raumtaster“.

Der seit 2015 in Rosenheim lebende Schäfert leitet das Fachgebiet Kunstpastoral in der Erzdiözese München und Freising und eröffnete jetzt die Ausstellungsreihe „Volto“, die einmal jährlich im Kirchenraum der Heilig-Geist-Kirche stattfinden soll. Volto, im Italienischen „das Antlitz, der Anblick, das Aussehen“, nimmt Bezug auf das Fresko „Volto Santo“ in diesem Gotteshaus. Es sollen aktuelle künstlerische Positionen gezeigt werden, die zur räumlichen wie spirituellen Dimension dieses Kirchenraums in Bezug treten.

Die Premiere, betitelt „Voto 1“, bildet die Installation „Raumtaster“ der 1975 in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb geborenen Kerstin Enzinger, die in Köln an der Medienhochschule bei Valie Export studierte und nun in Berlin lebt. Mit ihren Apparaten schärft Ergenzinger die Wahrnehmung für die architektonischen Feinheiten des vom Licht abgetasteten Kirchenraums. Motoren übernehmen die Aufgabe, die mit viel Akribie gestalteten Lichtflächen zu erzeugen und in Bewegung zu setzen.

„Raumtaster“ besteht aus zwei Overhead-Projektoren, die jeweils zu einer programmierbaren Zeichenmaschine modifiziert wurden. Sie kreieren Lichtbalken und Lichtflächen, die Wände, Boden und Decke nahezu choreografisch abtasten, über die Oberflächen wandern und einen neuen Zugang zum gewohnten Raum eröffnen.

So werden im dunklen Kirchenraum – die Licht-Installation ist täglich von16.30 bis 20 Uhr zu erleben – mittels der Projektion ebenso die stuckierten barocken Kartuschen im Sterngewölbe der Decke angestrahlt wie auch die quadratischen roten und weißen Bodenfliesen aus Marmor, die so ihre in den Jahrhunderten erworbenen Schründe deutlicher als im Tageslicht offenbaren. Wie ein vertikaler Suchscheinwerfer tastet ein schmales hohes Lichtband die Kirchenwand ab und nimmt den Blick des Betrachters mit auf die Reise durch das „älteste Gemäuer Rosenheims“, wie Pfarrer Andreas Maria Zach und Dritte Bürgermeisterin Dr. Beate Burkl bei der Eröffnung die Stiftskirche würdigten, die nun in „ein völlig neues Licht getaucht wurde“: erlebens- und sehenswert.

Die Installation ist täglich bis 26. November von 18.30 bis 20 Uhr zugänglich. Es wird am Sonntag, 26. November, als Finissage-Veranstaltung um 17 Uhr eine Bild-Meditation von Ulrich Schäfert mit einer Cello-Improvisation von Jost Hecker und einem um 17.45 Uhr anschließenden Gespräch mit Kerstin Ergenzinger geboten.

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