Seeon – Der Dichterwettstreit ist so alt wie die Literatur selbst. Die neueste Form heißt „Poetry Slam“. Die Poesie-Wettschlacht, bei der selbst verfasste Texte unter Vorgabe eines Zeitlimits vor Publikum vorgetragen werden, ist längst im Chiemgau angekommen: Klosterstüberl des Kultur- und Bildungszentrum Kloster Seeon slammten sechs junge Poeten vor ausverkauftem Haus.
„Sprache ist Kunst“, stellte Lukas Wagner vom Slamlabor Salzburg klar: Mit professioneller, wortgewandter Moderation führte er durch den Abend, stellte die Poeten vor und erklärte die Spielregeln. Wessen Sprach-, Dicht- und Vortragskunst am besten gefiel, entschied das Publikum: In der ersten Runde mit Punktvergabe, im Finale, bei dem nur noch drei Poeten antraten, per Applaus. Musikalisch begleitet wurde der Abend von Sandra Lisa (Gitarre und Gesang).
Mit einem Text über einen seltsamen nächtlichen Besucher startete Annika Igler aus Bad Reichenhall in die Schlacht. Eine wahre Geschichte, wie sie betonte. Nachdem die Polizei erschienen war, klärte sich auf, dass der nackte Alte vor ihrer Haustüre nicht etwa ein Einbrecher oder ein Triebtäter war, sondern ein verwirrter Bewohner aus dem Seniorenheim. Mit einem Text um geschlechtsspezifisches Kinderspielzeug brachte im Anschluss Oliver Walter das Publikum zum Lachen und Nachdenken. Wieso macht dieser Sohn den Papa zur „Mama“, wenn er ihm Blümchen pflückt und als Dankeschön ein Küsschen bekommt?
Felix Kaden aus Erlangen hat sich Orpheus und Eurydike zur Brust genommen. In seinem Text kommt er zu der verwirrenden, aber doch sehr originellen Analyse, dass sich Orpheus mutwillig umgedreht hat, weil er seine Freiheit nicht einbüßen wollte. Um das Vergessen infolge von Altersdemenz ging es in dem sensibel vorgetragenen Text von Helene Ziegler aus dem Pinzgau.
„Eine Ode an das Dixiklo“ hatte der Slam-Poet Jorge aus Passau im Programm und sorgte mit seinem Vortrag für schallendes Gelächter. Als letzter Dichter des Abends bekam das begeisterte Publikum eine „Ode an die Sprache“ zu hören. Maurice Massari lieferte einen grandiosen, sich reimenden, tiefsinnigen, humorvollen Text. Damit kassierte er prompt die bisher höchste Punktzahl und setzte sich im Finale mit einem Text über den „Sinn des Lebens“ als Sieger-Poet gegen Helene Ziegler und Felix Kaden durch.bek