Bad Aibling – Das Gitarrenfestival in Bad Aibling startete rasant und hochkarätig in seine achtzehnte Runde. Nach den Grußworten von Bürgermeister Felix Schwaller und Johannes Erkes als künstlerischem Leiter gehörte die Bühne des ausverkauften kleinen Saals im Kurhaus dem „Gipsy Swing“.
Protagonist war der in Mönchengladbach geborene Saitenvirtuose Joscho Stephan im Zusammenspiel mit seinem Vater Günter Stephan an der Rhythmusgitarre und dem Bassisten Stefan Berger. Joscho Stephan ist einer der herausragenden Vertreter des Gipsy Jazz, wie ihn der Weltstar Bireli Lagrene spielt, der vor Jahren ebenfalls in Bad Aibling gastierte.
Roter Faden des aktuellen Auftritts war die Musik des Jazzpioniers Django Reinhardts, die Filmfreunde gerade auch auf der Leinwand erleben können („Django – ein Leben für die Musik“). Von Beginn an zog der Sound des Trios die Besucher in seinen Bann. „Joscho“ steht für „Johannisbeerschorle“, und ebenso fruchtig und gut gelaunt wirkte das Auftaktstück.
Fingerflink und mit einem Melodiespiel in Hochgeschwindigkeit, dabei federleicht und unangestrengt ließ Joscho Stephan getreu dem Motto des Festivals seine Finger über die Saiten springen. Charmant und mit gutem Humor verriet er, dass es sich um eine Auftragskomposition für eine Immobilienfirma gehandelt habe, die man jederzeit in der Warteschleife aufrufen könne.
Ruhiger wurde es mit dem Stück „Minor Blues“ von Django Reinhardt, mit durchdringendem Bassrhythmus und feinem Solo von Berger. Stephan demonstrierte seine Offenheit für andere Musikrichtungen und ließ spielerisch Zitate von „Deep Purple“ und die Filmmelodie von James Bond einfließen – große Klasse. Rasanz und höchste Präzision gab es bei einer famosen „Angelina“, die Stephan einmal mit Bireli Lagrene und Stochelo Rosenberg eingespielt hat.
Mehrfach ging es hin und her zwischen atemberaubenden, kaum mit dem Auge zu verfolgenden Saitensprüngen des Gitarrenzauberers, den sein Vater mit einem Schmunzeln routiniert begleitete. Behände wechselte Stephan zwischen feinem Melodiespiel, Rhythmik, Improvisationen und Leitthema wechselte, immer wieder gab es Zwischenapplaus des begeisterten Publikums.
Immense Bandbreite an gespielten Stücken
Die Auswahl der Stücke bildete eine immense Bandbreite ab. Auf einen mit Schmelz interpretierten Nostalgieschlager von Theo Mackeben, der sich auch im Programm von Max Raabe findet, folgte „Hey Joe“ von Jimi Hendrix, irre schnell gespielt von Stephan und mit einem Lob an seinen Bassisten: „Er isst nicht viel, er spricht nicht viel, aber er spielt wie der Teufel.“ Mehrfach garnierte Stephan den Auftritt mit Anekdoten aus dem Leben Reinhardts: Zum Abschluss einer USA-Tournee mit Duke Ellington sei Reinhardt erst zur Zugabe erschienen, da er sich mit einem Boxer ratschend „verhockt“ hatte. Ein anderes Mal soll seine Gattin ihn huckepack durch Matsch getragen haben, damit seine edlen Schuhe nicht leiden.
Neben wunderschönen, süßlichen Balladen ragte ein Stück besonders heraus: Der fulminante „Bossa Dorado“ bestach durch prägnanten Rhythmus, feurige Passagen und geballter Energie des perfekt eingespielten Trios, vergleichbar mit den Klängen von „Rodrigo und Gabriela“ oder dem Sound von „Friday Night in San Francisco“. Mit den „Nuages“ von Django Reinhardt inklusive tollem Solo und dem verjazzten Klassiker „Sweet Georgia Brown“ endete das offizielle Programm. Ein Stück durfte nicht fehlen, und zwar Django Reinhardts bekanntester Titel „Minor Swing“, den Johnny Depp im Film „Chocolat“ gespielt hatte.
Mit humorigen Ansagen an den Schauspieler und zwei ruhigeren Stücken ließen die drei „Stephans“ ihren überzeugenden Auftritt im Schlussapplaus ausklingen und hinterließen ein strahlendes Publikum.