Rosenheim – Beim Blick aufs Programm hätte man meinen können, zwei opulente Klavierkonzerte, eine Ouvertüre zum Warmspielen und eine Ballett-Suite als Füllstück wären geboten. Von wegen! Gleich bei Mozarts Don Giovanni-Ouvertüre gedachten die jungen Musiker des Mahler Chamber Orchestra, ihre ultimative Visitenkarte abzugeben und zündeten mit den ersten beklemmenden Akkorden eine wahre Höllenmaschine, die das Fürchten lehrte. Matthew Truscott leitete das Orchester als erster Geiger und animierte seine Mannschaft mit energischer Sensibilität zu impulsiver, ja draufgängerischer Präzision. Als ob soeben das Finale übers Podium gefegt wäre, brach nach dem gut sechsminütigen Mozart im vollbesetzten Kultur- und Kongresszentrum orkanartiger Beifall aus.
Beethovens Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 sind unterschiedlich. Im ersten gießt Beethoven verschwenderisch ein Füllhorn farbiger Ideen und einprägsamer Motive aus. Ohne im Geringsten Programmmusik zu sein, stellen sich doch wie von selbst schweifende Assoziationen ein: Wechselnde Landschaften, unterschiedliche Kulissen, Sonne und Schatten ziehen am geistigen Auge des Hörers vorbei. Das zweite Konzert erscheint verinnerlichter, auch „strenger“; der Komponist gestaltet noch ökonomischer, achtet noch bewusster auf die Balance der Binnenstrukturen. So war es sinnvoll, das erste Klavierkonzert als Rauswerfer am Schluss zu platzieren.
Zudem setzte Pianistin Yuja Wang in ihrem Outfit – extremes Modebewusstsein ist ja eines ihrer Markenzeichen – die beiden Solokonzerte auch farblich voneinander ab. Das B-Dur bekam dunkles Blaugrau, das extrovertiertere C-Dur Konzert dagegen ein leuchtendes Signalrot.
Umso erstaunlicher, dass der junge Weltstar musikalisch auf jeden äußeren Effekt rigoros verzichtete. Yuja Wang leitete das Orchester vom Flügel aus; das bedingte, dass sie dem Publikum permanent den Rücken zukehren musste, um dem Orchester mit großen Armbewegungen den Weg durch die Zwischenspiele zu weisen. Mit feinem Anschlag, ohne Donnern und ohne Pathos und Aplomb entführte sie die Zuhörer in eine – man kann es nicht anders sagen – beglückende Zauberwelt.
Ein Indiz für herausragende Qualität ist sicher auch, wenn man bei einem oft erlebten Stück das Gefühl hat, es nun zum ersten Mal zu hören, ja erst richtig wahrzunehmen! In den langsamen Sätzen ging Yuja Wang schier unter die Hörschwelle und doch nahm man jeden Ton gleichsam in halluzinatorischer Wachheit auf. Man könnte nun noch lange schwärmen und auch die Rolle des Orchesters ausführlicher würdigen. Jedenfalls waren zwei Giganten am Werk, die sich der künstlerischen Wahrheit zuliebe nie den Rang streitig machten.
Waren da die Zugaben der Pianistin am Schluss wirklich nötig? Im Programmheft wird der charakteristische Klang des Mahler Chamber Orchestra gerühmt, der durch „intensiven künstlerischen Dialog“ und „eine kammermusikalische Musizierhaltung geprägt ist“. Bei welcher Musik hätte dieser Dialog pointierter demonstriert werden können, als bei Igor Strawinskys „Pulcinella“!
Seinerzeit geriet Strawinsky mit seiner Verehrung der alten Meister zwischen die Fronten der fortschrittlichen und reaktionären Streitparteien; heute, nach über 80 Jahren, bereitet diese nicht nur trickreiche, sondern auch substantielle Musik eitel Freude. Das vermeintliche Füllstück wurde fast zu einer Haupt- und Staatsaktion: Strawinskys Komposition lieferte dem Orchester wunderbare Steilvorlagen. In schnellem Wechsel spielten sich die Instrumente Motive, ja Motivfetzen zu. Auf engstem Raum kontrastierten die Klangfarben (Kontrabass und Querflöte!) oder purzelten durcheinander.
Die Bläser leisteten Akrobatisches, und der überraschende, von der Posaune noch bekräftigte Schluss der Tarantella brachte reflexartig das Publikum zu vorzeitigem Applaus. Es wäre aber jammerschade gewesen, wenn nicht noch die melodiöse Gavotta mit den Variationen erklingen hätte können und schließlich das rasende Feuerwerk des wirklichen Finales. Ist Hochkultur langweilig? Von wegen!