Neubeuern – An diesem Ort, wo für ihn alles begonnen hat, zeigt der „Glasflüsterer“ Florian Lechner derzeit in der „Galerie am Markt“ des Künstlerkreises Neubeuern in einer raumbedingt komprimierten Werkschau mit dem Titel „Lichtbrechen“ beispielhaft die Stationen seines Lebenswerks.
„Du malst ja auch Bilder?“, zitierte der nun in Nußdorf lebende und arbeitende Lechner einen Besucher. „Ich komme ja von der Malerei her“, verdeutlichte er seinen Werdegang und verweist auf ein etwa DIN-A4 großes Ölbild auf Karton. Dafür hatte der 17-jährige Abiturient des Landschulheims Neubeuern 1957 als Abschlussarbeit von seinem Kunstlehrer Pritte Laschat und dem in Neubeuern und New York tätigen Maler, Bühnenbildner, Musiker und Autor Wolf Reuther, vor dem Krieg ebenfalls Schüler des Landschulheims, den Kunstpreis der Schule zuerkannt bekommen.
Künstlerische Erweckung in Chartres
Lechner, der in Kassel und Paris studierte, hatte seine künstlerische Erweckung angesichts der Fenster der Kathedrale von Chartres und arbeitet seit 1968 zudem experimentell mit den Medien Licht, Klang und Bewegung. In Neubeuern wirkte der freischaffende Künstler als Kunstpädagoge am Internat und restaurierte mit seiner früheren Ehefrau, der Bildhauerin Ute Lechner, am Marktplatz ein historisches Haus für seine Familie. Die Ausstellung zeigt in einer großflächigen Collage Fotos seines Lebens. Mit selbst entwickelten Techniken optimierte Lechner das Material Glas für seine künstlerischen Ziele. Lechners Werke finden sich in Tokyo, London oder im französischen Rouen, wo er eine Metro-Station gestaltete.
Die Ausstellung dokumentiert die große Bandbreite des Kulturpreisträgers 2008 des Landkreises Rosenheim. So hängt ein großformatiges Bild im Eingangsraum, in der Schreibmaschinen-Farbband mit Tusche auf Papier als schwarz-weiße Erinnerung an eine kaum noch gebräuchliche Kommunikationstechnik erinnert. Hinter dem raummittigen Pfeiler steht eine Glasskulptur, auf der Lechner zur Eröffnung mit Klöppeln den ersten Teil eines kleinen Percussions-Konzerts bot. Bis in das Oberlicht ragt die drei Meter hohe Skulptur „Grenzlinie“, bei der Stacheldraht in Glas eingearbeitet ist: Die menschenverachtende Kälte von Grenzanlagen wirkt so gleichsam eingefroren.
Kleine, detailliert herausgearbeitete Modelle, wie das der Skulptur im Klinikum Esslingen, und ein großformatiges Foto der „Lichtsäule“, die er für die damals neuerbaute Universitätsbibliothek Regensburg geschaffen hat, künden von den eindrucksvollen gläsernen Großplastiken, die Lechner für zahlreiche öffentliche Bauten geschaffen und mit der dortigen Architektur vermählt hat.
Die 1967 geschaffene Installation „Castaneda“ zitiert in Lechners wunderbarer Handschrift einen Gedanken des Ethnologen und Schriftsteller Carlos Castaneda, der im heutigen Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit hochaktuell ist. Kleinere Objekte, wie die von unten beleuchtete Kugel „Sphaira“ geben Beispiele davon, wie experimentell Lechner mit dem spröden Werkstoff Glas umgeht: er schmilzt, biegt, sägt, bearbeitet es gar mit Hammer und Meißel, wobei zum Beispiel markante Halbkreise herausgesprengt werden.
Ein großes, in Weiß gehaltenes abstraktes Diptychon beherrscht zusammen mit einer in Orange eingefärbten Glasschale von 1,30 Meter Durchmesser den größten Raum der Galerie. Drei kleine Marmormurmeln, die Lechner wie ein Roulette-Croupier darin auf Rundreise schickte, bildeten mit ihren Rollgeräuschen die Grundlage für die Improvisation von Moni Schönfelder auf der Blockflöte und verzauberten abermals die Stimmung der Vernissage.
„Üblicherweise stellt hier immer ein Mitglied unseres Künstlerkreises zusammen mit einem von ihm ausgewählten Gast aus“, erklärte Gastgeberin Siglinde Berndt. Aber bei dieser Sonderausstellung sei Lechner sein eigener Gast. In seiner leidenschaftlich vorgetragenen Eröffnungsansprache kam der Künstler auf die „restauratorische Kastration“ der von ihm so geschätzten Glasfenster von Chartres zu sprechen, die seitdem ihr Licht nicht mehr in den Kirchenraum strahlten, das Licht sich also nicht mehr materialisieren könne. Er gab dazu einen kurzen Abriss der metaphorischen und physikalischen Eigenschaften von Licht und Glas.
Es sei Kunstinteressierten geflüstert: Eine derart kompakte Werkschau des Malers, Glaskünstlers und Musik-Performers wird einerseits sobald nicht wieder zu sehen sein. Andererseits sind von Lechner, diesem ebenso zugewandten wie asketischem Schöngeist der Künste, in Zukunft noch weitere faszinierende Bearbeitungen seines Lieblingsmaterials zu erwarten.
*
Die Ausstellung „Lichtbrechen“ ist noch bis 19. November freitags von 18 bis 20 Uhr, samstags von 14 bis 19 Uhr und sonntags von 11 bis 19 Uhr in der „Galerie am Markt“, Marktplatz 3, in Neubeuern zu sehen.