Bernau – Dem nasskalten Wetter trotzten zahlreiche Gäste im Wastelbauerhof am Bernauer Rudersberg, um der „Kaffehausmusik“ von Ilona Cudek und Enrique Uguarte im Rahmen der Reihe „Konzerte an besonderen Orten“ zu lauschen. Es war keine übliche Kaffehausmusik, denn Ilona Cudek ist Konzertmeisterin an der zweiten Violine bei den Münchner Philharmonikern und Enrique Uguarte Akkordeon-Weltmeister und Dirigent aus dem Baskenland. Was die beiden dann an Kaffeehausmusik boten, war mitreißend, feuerten sie doch ein musikalisches Feuerwerk ab, bei dem sich verschiedene Epochen und Stilrichtungen schwungvoll abwechselten.
Mit Klassik ging es los: Beim Allegro aus dem Frühling der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) ersetzte das Akkordeon Uguartes mühelos quasi das gesamte Orchester. Beim „Csardas“ von Vittorio Monti (1868 bis 1922) glitten Ilona Cudeks Finger sanft in höchste Lagen, dann wurde es wieder feurig-rasant. Das Akkordeon war dabei immer ebenbürtiger Partner für die Geige. Von Ungarn ging es weiter nach Argentinien: zuerst traditioneller Tango mit „El Choclo“, dann modern mit „La fortezza dei grandi perque“ von Astor Piazolla (1921 bis 1992). Dieser widmete seinem verstorbenem Vater Vicente, „Nonino“ (Großväterchen) genannt, im Oktober 1959 das „Adios nonino“ – eine traurige Melodie, die von melancholisch über schwungvoll bis hin zu leidenschaftlichem Allegro reichte, und die Cudek und Uguarte mit viel Feingefühl und Leidenschaft auskosteten. Munter drehte sich das musikalische Karussell weiter: von freudvoll-tanzbar mit „Notturna Milonga“ (die Milonga gilt als schnelle Vorläuferin des Tangos) über Jazz von Erroll Garner (1921 bis 1977) mit „Misty“ und „cheek to cheek“ bis zu Klezmer. Enrique Uguarte hatte aus dem Musiktheater „Nothing but music“ von Giora Feidman ein Medley zusammengestellt, das es in sich hatte. Das Werk besteht aus zehn Bildern, auf denen osteuropäische Wandermusiker ihr Lebensgefühl auf einer Wanderung sowohl räumlich rund um die Welt als auch zeitlich durch das gesamte 20. Jahrhundert mit sich tragen.
Dann erklang wieder Jazz: „Spain“, zuerst in der Originalversion von Joaquin Rodrigo (1901 bis 1999), dann die als die moderne Jazz-Standard-Variante geltendenVersion von Chick Corea.
Schluss- und definitiv der absolute Höhepunkt war dann der „Bolero“ von Maurice Ravel (1875 bis 1937). Hier zogen die beiden noch einmal alle Register, verlangt doch der einsätzige Tanz, sehr langsam und ständig gleichbleibend, absolutes Rhythmusgefühl beim Crescendo des Orchesters, das hier das Akkordeon verkörperte. Große Gefühle und Gänsehaut in einem Bernauer Kaffeehaus. Es war wahrlich ein besonderes Konzert an einem besonderen Ort. elk