Rosenheim – Ein zeithistorischer Rückblick der etwas anderen Art war in der Städtischen Galerie Rosenheim zu sehen. Dabei verwandelte sich die dort aktuelle Jubiläumsausstellung „Vermacht. verfallen. verdrängt“, die die Geschichte der Galerie und ihrer Sammlung zur Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert, in eine interaktive Bühne. Zwischen den derzeit ausgestellten Gemälden aus der NS-Zeit inszenierte die Theatermacherin und Schauspielerin Traudel Bogenhauser entlang einer ganz persönlichen Geschichte den Blick in die Jahre 1933 bis 1942 und das Leben in einem oberbayerischen Dorf während des Nationalsozialismus. Entstanden ist das „Navarra art project“ aus der mehr als 30-jährigen Arbeit der Künstlerin Traudel Bogenhauser. Sie hat mit diesem Projekt eigene experimentelle künstlerische Präsentationsformen entwickelt.
Erfreuliche viele Besucher verfolgten die Theaterinstallationen, die im ersten Saal der Galerie begannen und von griechischer Musik mit Chorgesang eingeleitet wurden. Traudel Bogenhauser erzählte, dass sie auf einer Schifffahrt von einer griechischen Insel nach Piräus begonnen hatte, den „Monolog meiner Mutter“ zu schreiben. Sie hatte erfahren, dass ihre Mutter 1933 in Holland lebte und wusste selbst nur wenig über die jüdische Vergangenheit ihrer Familie. Das Foto der Mutter als Schneiderin in einem Modesalon in Holland mit anderen Schneiderinnen steht zu Beginn der Theaterinstallation.
Mit Mitteln des Theaters, des Films, der Fotografie und Malerei versuchte sich ihre Tochter vorzustellen, wie es damals gewesen sein könnte. Im Beispiel geht es um ein oberbayerisches Dorf, in dem die „nicht arische Familie“ gelebt hatte. Eine gespielte Szene im Frisiersalon „Hildegard“ offenbart das Getratsche der Leute und die Gerüchte über Juden im Dorf. Das „Heil Hitler“ als Gruß ist bald Gebot und die Szene mit den Marktfrauen und der Ortsgruppenleiterin zeigt den bösen Geist der Zeit. Wenn die Haushälterin des Pfarrers dem Geistlichen die Faszination Hitlers auf sie und die Leute schildert, kann einem heute noch schaudern. Wer wie die Kellnerin an der falschen Stelle lacht, wer nicht gleich einstimmt in das allgemeine „Sieg Heil“ lebt gefährlich. „Sei vorsichtig“ raunen die Leute, denn die Denunzianten sind überall. Der Oberlehrer, der Gemeindediener, sie kennen die Rassengesetze, wissen um den Ariernachweis. In der letzten Szene sieht man Traudels Mutter bei einem Gespräch mit einer Freundin, der sie ihren Plan aufdeckt, ihren Selbstmord vorzutäuschen, sich im Simssee ertränkt zu haben, aber ins Kloster Zell zu flüchten. Sie hatte erfahren, dass die Gestapo sie abholen wolle. In einem großen Video schreibt Traudels Mutter einen fiktiven Abschiedsbrief. Das Ende des Krieges rettete sie und all diejenigen, die das Grauen der Nazi-Zeit überlebt haben.
Mit langem und großem Beifall dankte das Publikum Traudel Bogenhauser und ihren Schauspielern. Eindringlich hatten sie aufgezeigt, wie Machthaber den sogenannten „kleinen Mann“ leicht für ihre Machtinteressen ausnutzen, das Hass-Potenzial der Masse anzapfen, wie mangelnde Zivilcourage, Schweigen, Verschweigen und Angst möglicht machten, was damals geschah. Die Frage: „Kann dies alles auch heute wieder geschehen?“ musste sich jeder stellen.