Frech, frei und frivol

von Redaktion

Das „Einzige Neopathetische Orchester“ versprühte mit Hits der 20er-Jahre ungezügeltes Vergnügen

Bergen – Wer kennt sie nicht, die frivol frechen Lieder mit witzigen Texten der Goldenen 20er-Jahre? Nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs, erwachten die Menschen damals aus einer Art Verpuppung. In allen Stilrichtungen der Kunst wurde experimentiert. Das „Einzige Neopathetische Orchester“ hat sich mit dieser Musik infiziert und infiziert weiter.

Der kleine Raum im Ladenbergen schien förmlich aus den Nähten zu platzen. Es wurde improvisiert, man rückte zusammen. Viele standen im hinteren Bereich des ehemaligen Dorfladens, den Andreas Auer und Ingemar Maier 2013 als Gegenentwurf zu Einzelhandels- und Kultursterben eröffneten. Zwischen Bio- und Fairtrade-Waren, Limonaden und Brotaufstrichen, standen auf einer kleinen Bühne vier Musiker mit ihren Instrumenten. Die junge Sängerin Elke Mattheis fand keinen Platz mehr und positionierte sich frech, frei und frivol vor der Bühne – in der ersten Reihe der Konzertbesucher.

Wie eine Zeitreisende ist Mattheis selbst Kunstfigur geworden, Berührungsängste sind ihr fremd. Schamlos in mehr als freizügigem Kostüm stürzte sie sich ins Vergnügen, ließ alle im Ladenbergen mitreisen in die wilde, freizügige und schillernd bunte Zeit. Sie scheint „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, füllt alle Klischees der 20er aus, bewegt sich, singt, rollt das „R“, rekelt sich wie eine Katze und kokettiert – sowohl mit Bandkollegen, als auch mit ihrem Publikum. Dabei überzeugte sie mit großem Gesangstalent.

Ihre Bandkollegen zogen voll mit. In engem Austausch, stimmlich ergänzend, auch einmal im Duett, gab Berny Steinhilber Rückendeckung. Seine tiefe Stimme kontrastierte. An Gitarre und Querflöte zeigte er routinierten aber spielfreudigen Einsatz. Ein Musiker, der zu wissen scheint, worauf es ankommt. Hinter ihm, leider aus Platzmangel zumeist verdeckt und ebenfalls mit Gitarre, brachte sich Randolph Sax mit spürbarer Freude ins musikalische Vergnügen ein.

Ganz am Rande, direkt an der großen Fensterscheibe, saß Eva-Maria Forreiter am Akkordeon. Das Instrument brachte, neben der leider eher selten gehörten Querflöte (Steinhilber), besonderen Reiz und eine charmante Färbung in den Gesamtklang des „Neopathetischen Orchesters“.

Der famose Kontrabass, ohne den ja klanglich gar nichts ginge, ist ebenfalls zu erwähnen. Margit Steinbichler gab der Musik die notwendige Tiefe, agierte im harmonischen Zusammenspiel mit den Bandkollegen. Alle miteinander hatten grenzenlosen Spaß mit Liedern wie „Für mich soll ‚s rote Rosen regnen“, „Ich bin, wie ich bin“, der „Bilbaosong“, „Das Soldatenweib“ oder „Die Kleptomanin“. Atemberaubend war auch Mattheis‘ Ausgestalten des Liedes „Der Dompteur“, mit dem sie kräftigen Sonderapplaus kassierte. Ohne Zugaben kam das Quintett nicht davon, musste auch nicht lange überredet werden.

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