Rosenheim – Der Jazz-Impressario Norman Granz hatte zwischen 1944 und den frühen 60er-Jahren die berühmte Konzertreihe „Jazz at the Philharmonic“ produziert und war mit Swing- und Bebopmusikern weltweit auf Tournee. In seine Rolle schlüpfte der Samerberger Schlagzeuger Michael Keul und brachte für das dritte Jazzfestival im Rosenheimer „Le Pirate“ eine achtköpfige Starbesetzung auf die Bühne, die in wechselnden Kombinationen die Musik dieser Jazzepoche wieder aufleben ließ und eine Hommage an die großen Solisten gestaltete.
Mit Bonmots führte Keul durch das Programm. Stilecht wechselten exakte Bläserriffs, mitreißend arrangierte Melodien und virtuose Improvisationen. Standen alle acht Mann auf der Bühne, klangen sie wie eine Big Band.
In der Rhythmusgruppe agierte neben Keul der Pianist Thilo Wagner, der geschmackvoll an Oscar Peterson erinnerte, wenn er im Trio mit dem fingerfertigen Gitarristen Helmut Nieberle und dem klar artikulierenden Bassisten Ernst Techel „Tenderly“ spielte oder „There Will Never Be Another You“ als Ballade vorstellte.
Peter Tuscher entlockte seiner Trompete und seinem Flügelhorn unterschiedliche Klangfarben und hauchte sich gefühlvoll durch die Ballade „I’ve Grown Accustomed To Her Face“. Am Tenorsaxofon ergänzten sich der elegant phrasierende Claus Koch und der junge rau und zupackend spielende Valentin Preissler. Wie in den Jam Sessions der 40er-Jahre lieferten sie sich in dem Blues „Up And Down“ einen heißen Tenorkampf. Beide interpretierten einfühlsam auch Balladen in eigener Stilistik: Koch stand in „I Can’t Get Started“ im Vordergrund und Preissler dominierte in „My One And Only Love“.
Stephan Holstein war der Vierte im Bund der Bläsersektion. An der Klarinette swingte er authentisch durch Standards wie „Deep Purple“ oder die Ballade „Moonlight In Vermont“ und wechselte in einem entspannten Blues von Johnny Hodges auch auf das Altsaxofon. Stephan Holsteins swingende Klarinettenspielweise, wie sie etwa nach Benny Goodman der österreichische Klarinettist Fatty George gepflegt hatte, ist heute leider selten geworden.
Für die offizielle Schlussnummer hatten sich die Musiker auf Duke Ellingtons „Cotton Tail“ geeinigt, weil sie bei diesem Stück im Höllentempo noch einmal richtig Dampf ablassen konnten. Auch für die Rhythmusgruppe war es eine Herausforderung. Nach kreativen Solodarbietungen und einem ausgetüftelten Schlagzeuggewitter steigerten sich die Bläser zu einem ekstatischen Kollektiv. Selbstredend durfte die Band nicht ohne Zugabe von der Bühne: Man blieb bei Duke Ellington und seinem Klassiker „Perdido“.