Prien – Johannes Brahms schrieb „Ein deutsches Requiem“ als etwa Dreißigjähriger – sinnvoll, dass im umsichtig gestalteten und informativen Programmheft ein Bildnis des Komponisten aus jüngeren Jahren verwendet wurde ohne jenen später obligaten Rauschebart.
Dieses frühe Magnum Opus atmet eine jugendliche Frische, die jedoch von tiefer Weisheit und großer Reife grundiert wird. Rainer Schütz dirigierte diese musikalische Ikone „bürgerlichen“ Trostbedürfnisses in Prien konsequent ohne jede Beimischung altväterischer Behäbigkeit.
Gleich die ersten Takte, in den tiefsten Bassregionen angesiedelt, tönten keineswegs diffus grummelnd, sondern klar konturiert und in durchsichtiger Klanglichkeit. Das warme Kolorit der Streicher, die tastend Melodik erstehen ließen, erzeugten eine andächtig frohe Atmosphäre, welche die gebannten Zuhörer sofort spürbar zu fester Gemeinschaft verschmolz.
Höhepunkt: Chor mit langen „Pfundnoten“
Als gar der Chor mit langen „Pfundnoten“ kaum hörbar und doch präsent, schwebend das „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ intonierte, war bereits ein erster Höhepunkt erreicht.
Die Chorgemeinschaft Mariä Himmelfahrt Prien und die Mitglieder der „Capella Vocale“ zeigten sich in der katholischen Pfarrkirche bestens disponiert, aber auch ebenso glänzend präpariert. Niemand käme hier auf die Idee, den Trainer auswechseln zu wollen – im Gegenteil, es ist die Kontinuität, die solche Höchstleistungen erst ermöglichen.
Zunächst einmal: Schon durch den bei Chören nicht unbedingt immer selbstverständlichen Blickkontakt zum Dirigenten zeigten die Priener Sänger eine enorme Bühnenpräsenz.
Eine weitere Tugend: Der Chor ließ sich von Rainer Schütz die ganze dynamische Bandbreite abfordern, nie blieb man im Forte hängen, schlagartig verflüchtigte sich der Klang wieder ins Piano. Wenn aber dann Fortissimo angesagt war, erfüllte ein mächtiger, ja tosender Klang den Kirchenraum, der im Zuhörer alle Emotionen zum Sieden brachte. Dass die Textverständlichkeit fast durchgehend gewährleistet blieb, sei nur am Rande erwähnt.
Brahms vertonte bewusst in Deutsch
Johannes Brahms vertonte die selbst ausgesuchten Texte der Heiligen Schrift bewusst in deutscher Übersetzung, um die tröstliche Botschaft sozusagen unverschlüsselt zu verkünden. Zwar bittet der Bariton: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss…“, doch der Sopran versichert: „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen…“
Thomas Schütz sang derart natürlich und selbstverständlich, als kämen Text und Melodie unmittelbar aus seinem Innersten, als gäbe es keine Noten auf Papier. Die Ausdruckskraft seiner in allen Lagen ausgeglichenen und berührenden Stimme war immer wieder überwältigend. Einen sehr reizvollen Kontrast dazu bildete die ebenso junge Anna Gillingham mit silbrig glitzerndem Vibrato. Leicht und doch körperhaft setzte sie ihre Stimme ein. Auch in größter Höhe blieb dieser Sopran geschmeidig und ohne metallene Schärfe. „…eure Freude soll niemand von euch nehmen“ – das glaubte man der Sängerin aufs Wort!
Was im Programmheft lapidar als „Collegium Musicum Prien“ bezeichnet worden war, war selbst ein Kosmos bester Instrumentalisten der Region. Die Bläser etwa, das viele Blech, alle blieben eingebunden in den dynamischen Gesamtplan, keines dieser gewichtigen Instrumente drängte sich vor.
Orchester schmiegt sich Chor an
Überhaupt läuft ja das Orchester bei Brahms nicht nebenher, sondern schmiegt sich dem Chor an.
Beide Klangkörper müssen punktgenau aufeinander reagieren. Aber eben aus dieser Verflechtung entsteht der besondere Zauber des Brahms- Requiems, auch die einzigartige Suggestivkraft dieser Musik – und dieser Aufführung.