Jemanden dazu zu bringen, einen Schwammerlplatz zu verraten, ist in der Regel ein Ding der Unmöglichkeit. Ganz anders die entsprechende Situation bei den jagdbaren Tieren:
Hier haben unsere Vorfahren ganze Fluren und Örtlichkeiten beispielsweise nach Füchsen, Hirschen und Wölfen benannt, wenn man an Namen wie Fuchsbichl, Fuchsholz und Fuchstal, Hirschberg und Hirschpoint, sowie Wolferkam, Wolfsberg und Wolfspoint denkt. Fehlanzeige aber etwa für „Steinpilzpoint“ oder „Reherlloh“!
Bevor man aber die Offenheit der Waidmänner vergangener Zeiten hervorhebt, sei an grundsätzliche Bedenken erinnert, wonach der Fuchs, Hirsch, Wolf oder ein anderes jagdbares Tier als Ortsnamensgeber durchaus in Menschengestalt aufgetreten sein kann: Genau diese Tiernamen dienten nämlich als beliebte Bei- und später Nachnamen für Personen.
Für eine schlüssige Namenerklärung der Bestimmungswörter aus dem Tierreich helfen allerdings die Grundwörter etwas weiter.
Eine Anhöhe – Bichl, Berg – nach einer Person zu benennen ist weniger wahrscheinlich als nach einem Tier; dasselbe gilt wohl für Tiernamen mit den Grundwörtern Tal und Wald beziehungsweise Lohe und Holz.
Machen wir die Probe aufs Exempel: Der Ortsnamenforscher Josef Bernrieder erklärt Fuchsbichl, einen Ortsteil von Raubling, als „Anhöhe, auf der Füchse ihren Bau hatten“.
Auch bei Fuchslug in der Gemeinde Aschau, dem althochdeutsch luoga = versteckter Wohnplatz zugrundeliegt, geht Bernrieder sinnvollerweise vom Tier, nicht vom Menschen aus. Ein Gegenbeispiel ist freilich der Name Wolfsberg – etwa bei Breitbrunn zu finden und 1143 als Wolsberc urkundlich erwähnt – , den Hans Meixner in „Die Ortsnamen der Gegend um Rosenheim“ vom Personennamen Wolf herleitet.
Eindeutigkeit herrscht wahrscheinlich beim Begriff der „Point“ – althochdeutsch biunda, piunta, mittelhochdeutsch biunte = „durch Umzäunung ausgeschiedenes Stück Land mit den dazu gehörigen Wohngebäuden“. Hans Meixner leitet nämlich Wolfspoint bei Rohrdorf, das etwa. 1460 im Salbuch des Klosters Seeon als Wolfpewnt erwähnt ist, vom Personennamen Wolf her. Schon klar: Ein Wolfsgehege, wie es heutzutage im Naturpark Bayerischer Wald vorhanden ist, war in früher Zeit ausgeschlossen; die „biunte“ hatte ein Bauer namens Wolf für sein Weidevieh, aber nicht für Wölfe, eingezäunt. Aber gilt Solches auch für Hirschpoint?
Wolferkam bei Riedering nun zeigt eindeutig einen Personennamen an, auch wenn dieser wiederum vom Wolf selbst abgeleitet ist. Der Ort hieß 1120 Wolfrincheim, etwas später Wolfricheim, danach Wolfercheim, Wolferkeim. Hier liegt die Ansiedlung („-heim“, -„ham“) eines Wolfheri vor.
Gemeinsam haben die Begriffe Fuchs, Hirsch und Wolf eine Art von Namensverschleierung:
Dem Hirsch liegt die indogermanische Wurzel „ker“ (lateinisch: Hirsch =cervus) mit der Bedeutung „Horn; gehörntes, geweihtragendes Tier; Oberstes, Spitze“ zugrunde. Der Wolf leitet sich von der Wurzel „vel“ mit der Bedeutung „an sich reißen“ ab. Beim Fuchs wurde die alte Bezeichnung „vulpes“ durch das Wort für „Schwanz“ ersetzt; so entspricht hier beispielsweise altindisch puccha-h (Schwanz, Schweif) lautgesetzlich dem althochdeutschen fuh-s. Diese „verhüllende Bezeichnung“ (Duden: Herkunft) wurde wohl gewählt, „weil die Germanen den listigen Räuber nicht durch Nennung seines Namens ‚berufen‘ (= herbeilocken) wollten“ (Duden). So kam es wohl auch zu den Tarnnamen Langschwanz, Holzhund und Meister Reineke.