Rosenheim – Der österreichische Dichter Ernst Jandl gehört heute zu den wichtigsten und anerkanntesten Autoren im deutschen Sprachraum. Auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim sprach Professor Klaus Silewski, der zugleich Lektor und Herausgeber der neuesten Werkausgabe ist, vor zahlreichen Zuhörern im Künstlerhof am Ludwigsplatz über Leben und Werk Jandls.
In seinem Vortrag versuchte Silewski die Frage zu beantworten, warum jemand nicht nur Lektor, sondern auch Herausgeber einer Werkausgabe Ernst Jandls wird. Die erste Werkausgabe habe er als junger Lektor bereits 1982/1983 konzipiert. Die Aufgaben des Lektors und des Herausgebers seien inhaltlich und herstellerisch bei ihm in einer Person zusammengekommen. „Ein wesentliches Element der Bedeutung und Wirkung von Jandls Gedichten ist die grafische Gestaltung“, erklärte der Germanist. Da sie oft Laut- und Sprechgedichte sind, stelle sich die Frage, wie man die Buchstaben einzelner Gedichte auf einzelne Seiten verteilt, was vergleichbar sei mit einer Musikpartitur. „Tonlänge, Tonhöhe und Tonqualität werden in grafischer Gestalt wiedergegeben und sollen nachvollziehbar sein“, erklärte Silewski. Die Logik der Anordnung der Texte und Gedichte müsse durchgehend Gültigkeit haben.
Mit dem Dichter führte Silewski immer wieder Telefongespräche, von denen die Zuhörer ein paar skurrile Kostproben erhielten. Anschaulich gelang es ihm, in diesen Gesprächen die schwierige Persönlichkeit des Dichters, seine Marotten und Empfindlichkeiten lebendig werden zu lassen. Oft entstanden absurde Dialoge, etwa, als Jandl vorschlug, Bundeskanzler Gerhard Schröder solle ein Telegramm im Verlag vorbeibringen.
Knapp skizzierte Silewski den Werdegang Jandls, dessen experimentelle Lyrik zunächst als das Produkt eines Geisteskranken angesehen wurde. 1966 veröffentlichte Jandl seinen ersten Gedichtband. Die in den 70er- und 80er-Jahren unveröffentlichten Gedichte habe Silewski gleichsam als Wiedergutmachungsgeste in die Werkausgabe hereingenommen. Ende der 90er-Jahre sei für ein breites Publikum eine zweite taschenbuchartige Ausgabe erschienen. Die kürzlich vom Luchterhand-Verlag herausgebrachte dritte Werkausgabe enthalte alle publizierten Gedichte und Texte Jandls.
Die Originalstimme Jandls aus Mitschnitten von Lesungen vermittelte den Zuhörern einen authentischen Eindruck des Dichters. Auf mehrfachen Wunsch trug Silewski den „Spruch mit kurzem o“ vor, dessen effektvolle Betonung Belustigung hervorrief. „Mit Jandls Gedichten“, so Silewskis Resumee, „wird unser Leben reichhaltiger, unterhaltsamer, anregender!“ fü