Verzaubert von der Schwanenkönigin

von Redaktion

„Bolschoi Staatsballett Belarus“ mit „Schwanensee“ im Kuko

Rosenheim – Vielleicht war es ein ungünstiger Zeitpunkt, nach Weihnachten wäre er günstiger gewesen: Der große Saal des Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrums war bei Weitem nicht ausverkauft bei der Ballettvorführung „Schwanensee“ mit der Musik von Peter Tschaikowsky. Mit dieser „Mutter“ aller Ballette gastierte das „Bolschoi Staatsballett Belarus“ aus Minsk in Weißrussland in Rosenheim. Die Inszenierung folgte der Choreografie des Urvaters aller Choreografen, Marius Petipa.

Den Bühnenhintergrund beherrschte der gemalte geheimnisvolle, in Blau getauchte Schwanensee mit der Burg des Zauberers mittendrin, die wie ein hypertrophiertes Neuschwanstein aussah und auch an die Burg der bösen Fee aus Walt Disneys „Dornröschen“ erinnerte. Die Musik kam – natürlich – vom Band, denn alles andere wäre zu teuer, aus den Lautsprechern kam die Musik blechern und vor allem zu leise. Der Überwältigungseffekt von Tschaikowskys Musik kam so nicht zustande.

So musste man mehr schauen als hören. Das aber lohnte sich: Die Tänzer und Tänzerinnen waren erlesen kostümiert. Das vielköpfige und vor allem -füßige Corps de Ballett tanzte immer leichtfüßig-synchron und gefiel mit anmutigen Hebefiguren, die Schwäne gruppierten sich zu immer neuen geometrischen Figuren, der Tanz der vier kleinen Schwäne, die aber beileibe nicht so klein waren, gefiel mit synchron exakt wirbelnden Beinen.

Der Prinz (Artjom Bankowski), sehr jung und sehr gut aussehend, einmal im schwarzen Samtwams, dann ganz in Weiß, war wahrhaft verliebt und zeigte viele perfekte „Batteries“, das ist das Aneinanderschlagen der Beine während des Sprungs, nur schien er am Ende nicht mehr so ganz agil zu sein, vielleicht weil er ganz verzaubert von der Schwanenkönigin und damit schon ganz liebesschwach war. Der düster-schöne und ebenfalls sehr junge Zauberer (Egor Azarkewitsch) glänzte mit vielen „Grand jetés“, großen Sprüngen in der Luft, die allerdings im letzten Bild ihre letzte Intensität verloren: Verlor er da schon seine Zauberkraft? Pirouettenfreudig zeigte sich der Hofnarr (Konstantin Geronik).

Die absolute Hauptfigur ist natürlich die Schwanenkönigin: Aleksandra Tschizhik meisterte ihre Figur hervorragend. Hoheitsvoll, hingebungsbereit und liebesschmerzlich waren ihre Züge als weißer Schwan, anmutig und zerbrechlich wirkte sie da, während sie als schwarzer Schwan ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen trug. Herrlich war es anzuschauen, wie ihre Erlösungssehnsucht als weißer Schwan ihr Spielbein zum leichten Zittern brachte. Herrlich, wie sie als schwarzer Schwan den Prinzen umtanzte und mit typischen Flirtgesten ihre körperliche Anziehungskraft symbolisierte, bis sie den Prinzen, beim Klang der sinnlich schluchzenden Geige, mit den legendären 32 „Fuettés on tournant“, also Drehungen mit Pirouetten, endlich buchstäblich liebesschwindlig tanzte und beide dann zum großen Walzer zusammenfanden: So viel Körperbeweglichkeit schien erotisch vielversprechend…

Der Jubel der Zuschauer am Schluss war berechtigt: Es war eine hervorragende Demonstration des klassischen russischen Balletts.

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