Erl – Moderne Opern sind oft, weil sie sich dem hohlen Stimmprunk und der reinen Melodieseligkeit verweigern, Zuschauervertreiber. Das zeigte sich auch bei den Tiroler Festspielen Erl, als „Mise en abyme“ nur wenige Interessierte fand. Dabei ist diese Oper der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti (geboren 1963) alles andere als hässlich oder abweisend, im Gegenteil: In der Inszenierung durch Riccardo Canessa war es ein abgründig-witziges, kunstphilosophisch-heiteres und musikhistorisch tiefschürfendes Kunst-Erlebnis, ein augenerfreuendes (Bühne: Giacomo Callari, Kostüme: Claudia Thaler) und ohrenkitzelndes intellektuelles Vergnügen.
„Mise en abyme“ ist eine literarische Bezeichnung für Widerspiegelung, das Spiel im Spiel, Theater im Theater auf dem Theater. Lucia Ronchetti strebt in ihren Kompositionen nach einem Gesamtkunstwerk aus musikalischem Handwerk, extravaganter Überschreibungs- und Zitierkunst sowie Intellektualität. Ihr Stil ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Werken vergangener Epochen und diverser Genres, in diesem Fall mit der Barock-Oper. „Mise en abyme“ ist eine Reflexion über die Uraufführung der Oper „Didone abbondanata“ des Librettisten Pietro Metastasio und des Komponisten Domenico Sarro im Jahre 1742 in Neapel. Dazu schrieb Metastasio zwei heitere Intermezzi, die die Entstehungsbedingungen einer Oper zum Inhalt haben, konkret die Beziehungen zwischen der Primadonna und ihrem Impresario.
Daraus macht Lucia Ronchetti eine einstündige Oper voll überaus reizvoll klingelnder und flirrender Musik, deren Instrumentarium auch eine Maultrommel miteinschließt. Diese Musik ist nebenbei auch ein klingender Zettelkasten, weil Ronchetti fleißig Musik aus Jahrhunderten zitiert, überschreibt und verarbeitet – als „ein Finden statt Erfinden“ beschreibt Ronchetti selbst diese Methode. So kann sie aus scheinbar versteinerten Opern-Fossilien zündende Funken schlagen. Das zehnköpfige „Ensemble Risognanze“ unter der umsichtigen Leitung von Tiro Ceccherini machte aus diesen Funken ein wahres musikalisches Feuerwerk.
Der Text wurde per Leuchtschrift in Deutsch projiziert, sodass die kunstphilosophischen Betrachtungen von Metastasio und die Dialoge der Sängerin mit dem Impresario verständlich wurden. So seufzt Metastasio: „Das Theater ist der Thron der Musik, weil sie sich mit Poesie verbindet.“ Und: „Musik kann nur durch Überraschung bewegen.“
Das setzte der Regisseur Riccardo Canessa augenfällig in Szene. Die Bühne, ihrerseits eine „Zitat-Bühne“, war dreigeteilt: In der Mitte stand eine kleine Barockbühne mit rotem Vorhang, auf der dann die Abschiedsszene aus der barocken „Dido“-Oper gesungen wurde, rechts daneben lagerten riesige Versatzstücke von vergangenen Inszenierungen, links thronte eine Badewanne, in der sich die Sängerin mit Blondperücke aalt, während der Impresario sie zum Vorsingen bewegen will.
Wenn moderne Oper mit so viel liebevoller Sorgfalt inszeniert wird, kann sie bewegen. Vor allem aber, wenn sie, wie hier, so hervorragend, ja herausragend gesungen wird. Alec Avidissian trägt die melancholischen Kunstbetrachtungen des Metastasio mit überdeutlicher Artikulation und weich strömendem Bariton vor. Maria Radoeva beherrscht sowohl das von Ronchetti verlangte Gurren, Quietschen, plötzliche Aufschreien und Sprechsingen als auch den hochartifiziellen Barockgesang und spielt alle emotionalen Extremzustände einer Primadonna aus. Dem Impresario verleiht Jan Jakub Monovid mit durchdringendem Countertenor alle Facetten von Durchtriebenheit, Genervtheit und Verschlagenheit und überrascht dann mit der barocken Schmetterlings-Arie nach einem echten Metastasio-Text mit allen Fioraturen und Verzierungen.
Herrlicher Chor
der Bühnenarbeiter
Herrlich ist der vierstimmige Chor der Bühnenarbeiter (Vicoryia Liashkevich, Liudmila Chrystiakova, Alexander Kirienko, Aleh Mashera). Er begleitet alle Reflexionen und Handlungen wie ein griechischer Tragödienchor, summt, flötet, zirpt, pfeift oder singt wie ein reiner Knaben-a-cappella-Chor. So inszeniert und so gesungen wird das Theater zum poesievollen Thron der Musik, überrascht und bewegt.