Rosenheim – An Heiligabend wartet man aufs Christkind, an Silvester auf den Jahreswechsel. Viele verkürzen sich schon seit Jahren an Silvester das Warten mit einer Oper oder Operette des Freien Landestheaters Bayern im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum. Und viele taten das auch heuer zusammen mit den „Lustigen Weibern von Windsor“ in der gleichnamigen Oper von Otto Nicolai.
Das kleine englische Städtchen Windsor scheint in dieser Inszenierung (Regie: Holger Seitz) ein Multikulti-Städtchen zu sein: Sir John Falstaff berlinert, das Ehepaar Reich spricht bairisch und schnapselt gern. Frau Fluth spricht ebenfalls deftiges Bairisch, ihr Mann aber sächselt. Der Brautwerber Dr. Cajus Radebrecht französisches Deutsch und der am Ende erfolgreiche Brautwerber Fenton ist ein italienischer Weinhausbesitzer. Doch damit nicht genug, auch die Musik ist zwischendurch multikulti: Die Herren Reich und Fluth kehren mit dem „Jägerchor“ aus Webers „Freischütz“ auf den Lippen heim, zu dem die Frauen den Refrain säuseln, und am Ende singen und tanzen Titanias Geister im Zauberwald den Cancan aus Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“.
So witzig und bisweilen bis zur Albernheitsgrenze witzelnd hat die Regie diese romantisch-heitere Oper aufgepeppt, dass Falstaff als Frau Klatsch aus dem Anti-Aging-Studio aus dem Haus gejagt wird und die in Leopardenlook gewandeten Hausmädchen einen Flachmann am Strapsband tragen, aus dem sie sich ausgiebig bedienen: mit Obstler befeuerte Romantik.
Bis plötzlich die gemütvolle Romantik fast wider Regie-Willen hereinbricht: Hornromantisch begleitet und waldsanft singt der Chor im nächtlichen Park von Windsor, bevor Falstaff endgültig lächerlich gemacht wird. Davor aber hat die Regie der Oper jegliche Romantik ausgetrieben und die Handlung so gestrafft, dass sogar Fentons Ständchen „Horch, die Lerche singt im Hain“ auf nur diese Zeile verkürzt wurde.
Die beschwingte Grazie und die schlicht beseelte Melodik, für die Nicolais Oper berühmt ist, blühte dafür aus dem ziemlich verjüngten Orchester, das unter der wie immer bewährten Leitung von Rudolf Maier-Kleeblatt zupackend-beherzt und aber auch heiter-spritzig aufspielte.
Tadellose Sängerleistungen
Tadellos waren die Sängerleistungen: Diana Fischer als Frau Fluth, ein oberlustiges und fleißig hüftenschwingendes Weib von Windsor mit klarer Artikulation und sehr beweglichem Sopran, Elisabeth Neuhäusler als ihre bairisch derbe Nachbarin und die süße Anna (Christina Gerstberger) mit süß girrendem Sopran, Torsten Frisch als Herr Fluth mit kraftvollem Bariton und Harald Wurmsdobler mit einem frei flutenden Tenor – den er eben kaum einsetzen durfte.
Als Falstaff stolzierte Matthias Degen erotisch daueraufgeladen mit einem respektablen Bauch herum. Seinem Bass fehlte etwas die satte Tiefe, aber er setzte ihn geschickt ein und verlieh seiner Figur sogar etwas von Ritterwürde.
Die Zuhörer gingen hochamüsiert nach Hause zu Bleigießen und Sekt – vielleicht noch befeuert von Obstler.