Erl – Die Tiroler Festspiele im Winter begannen heuer mit Brahms und endeten mit Brahms, jeweils mit zwei Symphonien im Doppelpack. Über die beiden letzten Symphonien schrieb der verstorbene Kritiker Joachim Kaiser, die dritte sei die philosophischste, logischste und geheimnisvollste, die vierte sei die finstere Symphonie. Gustav Kuhn nun ließ diese beiden Symphonien mit seinem groß besetzten Orchester so spielen, als sei Brahms nicht der immer finstere Grübler, der immer „grüblerische Zergliederer seiner Freuden“ (so der Musikwissenschaftler Peter Gülke), sondern höchstens der unerbittliche Logiker, dessen musikalische Logik aber glänzt und glitzert und leuchtet.
Der Reichtum
der Musik
Einen nicht grübelnden, sondern glänzenden Brahms wollte Kuhn präsentieren, nicht die Schwierigkeiten, sondern den Reichtum dieser Musik. Als wollte er Elisabeth von Herzogenberg, eine Freundin von Brahms, widerlegen, die in einem Brief zwar „die Fülle der über dieses Stück (gemeint ist die dritte Symphonie) ausgestreuten geistreichen Züge“ lobte, gleichzeitig aber anmerkte, ihr sei, „als wenn nicht für jeden einfachen Liebhaber die Schönheiten alle offen dalägen.“
Es schien, dass Kuhn wirklich und ganz offensiv die Schönheiten alle offenlegen, alle Schätze heben wollte. Auf diesem Weg folgten ihm die Musiker des Orchesters der Festspiele Erl bedingungslos und begeistert. Die fein abgestuften Klangfarben des zweiten Satzes der Dritten hoben die Instrumentengruppen hervor mit der beseelt spielenden Klarinette, der schön klagenden Oboe, den homogen schmelzenden Celli und den betörenden Geigen: Brahms als der Klangverführer, das hört man nicht immer.
Im Kopfsatz der Dritten herrschte wirkliches „Brio“ wie vorgeschrieben, ein von Kuhn immer wieder animiertes Schwingen, Fließen, Strömen, ein drängendes Schwellen und überschäumendes Wogen, dann wühlt sich alles hinunter, bis das Hauptthema wieder triumphierend auftaucht. Kuhn zeigt das heimliche Pendeln zwischen dem 6/8-Takt und dem 3/2-Takt so deutlich, dass man meinte, einen überdimensionalen Zwiefachen zu hören. Und dann herrscht im Finalsatz ein von Kuhn blitzend geschärftes und rhythmisch gestrafftes verzweifelt vorwärtsstürmendes Brodeln und Rumoren, bis alles rätselhaft schön endet und, wie Clara Schumann schrieb, „sich in Wölkchen verflüchtigt und in himmlische Regionen auflöst“.
Beifall ging ins
Toben über
Mit leis seufzenden und weich wogenden Terzen und Sexten, die Kuhn wie Rede und Gegenrede formte, begann die Vierte und endete nicht unerbittlich düster, sondern eben unerbittlich logisch und reichhaltig intensiv, von den Dreifach-Posaunen im Finalsatz mit ein bisschen Wagner-Weihrauch parfümiert: Der Beifall ging rasch ins Toben über, Beifall nicht fürs Grübeln, sondern fürs Glänzen.