Bad Aibling – Von herausragender Qualität war das erste Kammerkonzert der heurigen Saison der Reihe „Klassik! Bad Aibling“ im sehr gut gefüllten Kursaal. Ausgewählt leger war die Kleidung der beiden Solisten: Der Geiger Kristóf Baráti hatte eine faltenfreudige schwarze Jeans und ein darüber hängendes schwarzes Hemd gewählt, der Pianist Gábor Farkas trug dunkles Sakko und darunter ein schwarz-weiß gestreiftes kurzärmeliges Hemd. War das nun eine Ansage oder nur Unbekümmertheit?
Vielleicht wollten sie auch nur sagen: Es geht uns nur um die Musik. Damit hätten sie recht gehabt. Ganz posenfrei und ohne Virtuosengehabe spielten beide. Das Programm war deutlich zweigeteilt: sozusagen zuerst die Pflicht und dann die Kür, zuerst für den Saal und dann für die Galerie, zuerst die strenge Klassik, dann die Schmachtstücke und virtuosen Reißer.
Beide Künstler setzten deutliche Akzente im jagenden Presto des Kopfsatzes der a-Moll-Sonate von Ludwig van Beethoven, den die beiden ohne die zwingend vorgeschriebene Wiederholung spielten, sodass dieser Satz ziemlich abrupt endete. Das folgende Andante scherzoso nahm Baráti weniger scherzhaft als vielmehr sehr ernst, fast streng, dennoch voll zarter Spannung oder auch spannender Zartheit. Barátis Geigenton ist streng leuchtend, mit wenig Vibrato und gleichsam mahagonifarben eingedunkelt: ein eigentümlich anziehender, bisweilen magischer Klang.
In der A-Dur-Sonate von Johannes Brahms erfreute das Klavier mit fein abgetöntem und farbenreichem Klang, Baráti vor allem stellte das Thema des Kopfsatzes mit seinem am Schluss hinaufjuchzenden Jubelton schön deutlich vor, beide zeigten die reiche Verarbeitung dieses Thema in hellsichtiger Klarheit, mittendrin schien man in der Klavierbegleitung die wellenmurmelnde Erinnerung an den Thuner See zu hören, wo diese Sonate entstand. Max Kalbeck, der Brahms-Biograf, nannte diese Sonate die „Liebes- und Lieder-Sonate“, weil sie, wie Brahms selber anmerkte, „in Erwartung einer lieben Freundin“ komponiert wurde: Daran erinnert die Violine schmelzend, nie aber schmalzend, im zweiten Satz schwelgerisch, nie aber überbordend gefühlsverschwenderisch, in der Darstellung eher in sich versunken als extrovertiert heraustretend, damit dem typisch Brahms’schen Duktus sehr nahekommend. Der Schlusssatz hörte sich wie eine geschriebene Liebeserklärung mit Dauerlächeln im Gesicht an.
Musik für eine Frau
War der Geiger bisher sehr ernst, ja streng, mit prüfenden Blicken ins Publikum, taute er im zweiten Teil auf, ja lächelte sogar öfters. Sein Ton wurde voller, körperreicher und noch schwelgerischer, aber auch in höchster Lage immer schlackenlos klar und scharf definiert. Das nahm der „Souvenir d’un lieu cher“ von Peter Tschaikowsky jegliche gefährlich naheliegende Sentimentalität: Der hatte diese „Erinnerung an einen lieben Platz“ seiner Gönnerin Nadeshda von Meck gewidmet: wieder Musik für eine Frau.
Sehr beredt, intensiv und emphatisch mit kühl beherrschten Portamenti war Baráti bei der „Ballade“ von Eugène Ysaye, der dritten der sechs Solo-Violinsonaten, und ungarisches Temperament, viele perfekte Flageoletttöne und enormen Bogendruck auf die Saiten brachte Baráti bei der rasanten „Tzigane“ von Maurice Ravel, der dieses Stück einer Inspiration durch die ungarische Geigerin Jelly d’Arani verdankte: Musik durch eine Frau.
Als Zugaben wählte Kristóf Baráti wieder Musik von Brahms, das Adagio und den dritten Satz der D-Dur-Sonate: „Brahms ist schön!“, seufzte er selig bei der Nennung dieser Zugabe, und recht hatte er.