Er erkannte die Gefahr nicht

von Redaktion

Lesung von Michael Stacheder aus dem Band „Spätes Tagebuch“ von Max Mannheimer

Bad Aibling – Voll besetzt war die Stadtbücherei Bad Aibling bei Michael Stacheders Lesung aus dem Band „Spätes Tagebuch“ von 1983 von Max Mannheimer bei der dritten Veranstaltung im Rahmen der „Max-Mannheimer-Kulturtage“. Wieder hatte der Name Max Mannheimer die Besucher magnetisch angezogen. Michael Stacheder, Aiblinger Regisseur und Schauspieler, hatte den Anstoß zu der Veranstaltungsreihe gegeben.

Mannheimer, der unsägliche Qualen in mehreren Konzentrationslagern durchlitten und fast seine gesamte Familie dort verloren hatte, wurde in seinem späteren Leben nicht müde, die Nachgeborenen zu Toleranz und Völkerverständigung aufzurufen. Frei von Hass auf die Kinder und Enkel der Täter schuf er sich ein neues Leben, in dem er durch experimentelle Malerei wieder zu sich selber fand, gleichzeitig auch Schulen besuchte und zu jungen Menschen über das Unrechtsregime der Hitlerzeit sprach.

Die Kulturreferentin der Stadt Bad Aibling, Elisabeth Geßner betonte bei der Begrüßung, man wolle sich „miteinander erinnern“. So habe Mannheimer einmal gesagt: „Ich habe Auschwitz verlassen, aber Auschwitz hat mich nicht verlassen“.

Michael Stacheder las ausgewählte Passagen aus dem späten Tagebuch. Diese Passagen waren so gewählt, dass sie einen Bogen von der glücklichen Kindheit Mannheimers über die schlimmsten KZ-Erlebnisse bis zur Befreiung der Internierten durch die Amerikaner spannte.

Zwar wurde sich der Junge Max schnell bewusst, dass er mit seiner jüdischen Familie anders lebte als die übrigen Bewohner von Neu-Titschein in Mähren. Er nahm nicht am Religionsunterricht teil, erhielt demnach auch keine Heiligenbildchen zur Belobigung. Aber er spielte Fußball, was bei jüdischen Jugendlichen nur selten vorkam. Für seine Teilnahme an örtlichen Fußballspielen erntete er bewundernde Kommentare. Nach und nach verdunkelte sich das Leben der jüdischen Gemeinden. Viele, so auch der Vater von Max Mannheimer, wollten das sich abzeichnende Unglück nicht wahr haben, selbst im aufkommenden Sieg-Heil-Gebrüll sagte Mannheimers Vater noch: „Es wird schon nicht so schlimm werden“. Es wurde schlimm: In einer Novembernacht des Jahres 1938 brannten die Synagogen. Aber noch immer nicht – Max Mannheimer war verliebt und jung verheiratet – erkannte er die Gefahr, in der seine jüdische Gemeinde schwebte. Anfang 1943 erfolgte der Abtransport der gesamten Familie in die KZs Birkenau und Auschwitz, wo Mannheimer seine Familienangehörigen aus den Augen verlor. Sie alle wurden – mit Ausnahme seines Bruders Edgar – ermordet. Mannheimer und sein jüngerer Bruder durchlitten alle Qualen und Erniedrigungen, die das Leben in verschiedenen Lagern für sie bereit hielt. Und bei jedem Appell kam die erneute Angst: „Bist Du dieses Mal dran“?

Michael Stacheder las die Episoden mit angemessener Zurückhaltung. Er schlug seine Zuhörer derartig in den Bann, dass kein Nebengeräusch zu hören war.

Als sehr gute Wahl erwies sich der Akkordeonspieler Martin Schlumberger, der die Veranstaltung musikalisch begleitete. Schlumberger spielte Sequenzen aus der Musik von Johann Sebastian Bach, John Cage und Sofia Gubaidulina. Er ließ sein Instrument klagen und weinen, dumpfe, vibrierende Töne verliehen den Qualen der Inhaftierten akustisch eine weitere Dimension.

Die Vortragenden erhielten langen Beifall. Noch morgigen Samstag und am Sonntag, 4. Februar, sind jeweils von 14 bis 18 Uhr die Bilder, die Max Mannheimer ab 1954 malte, in der Galerie des Alten Feuerwehrhauses zu sehen.

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