Fratzen der Wirklichkeit

von Redaktion

Die „Köpfe“ von Günther Schuhböck laden in der Alten Wache in Traunstein zum Kunstdialog ein

Traunstein – Mit dem ungewöhnlichen Kunstexperiment „Köpfe – Menschen im Dialog“ sorgt derzeit die Städtische Galerie in Traunstein für Gesprächsstoff in der Kulturszene. Noch bis 4. März sind in der Alten Wache im Traunsteiner Rathaus 51 Köpfe aus einem Skizzenbuch des 2002 verstorbenen Chiemgauer Künstlers Günther Schuhböck zu sehen. Das Besondere: Die gezeigten Zeichnungen in Wachskreide treten in Dialog mit dem Betrachter und reizen so zu eigenen Assoziationen.

Neben beispielhaften Kommentaren wie Kurztexten, Erzählungen, Einfällen, Aphorismen oder sogar Kunstkreationen, die im Vorfeld der Schau entstanden sind, können die Besucher bis Ausstellungsende ihren Reaktionen spontan auf Papier Ausdruck verleihen. Comic-Figuren, Maschinen- oder Tierwesen, Soziopathen, Strichmännchen oder Karikaturen fordern so zusammen mit vieldeutigen Texten zu immer neuen Textkommentaren heraus.

Auf den ersten Blick wirken Schuhböcks Köpfe in ihrer Skurrilität, ihrer explosiven Farbkraft und Rätselhaftigkeit wie ein bedrohlicher Zerrspiegel der Realität, der unvermittelt Gefühle und subjektive Assoziationen auslöst. Angst, Heiterkeit, Verstörung oder Faszination: Alles kann passieren, wenn man sich auf dieses Panoptikum der Fratzen einlässt und sie auf sich wirken lässt.

Genau das haben auf Anregung von Galerieleiterin Judith Bader eine ganze Reihe von Personen aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Altersstufen vor der Ausstellungseröffnung getan. Ihre Textassoziationen sind neben den Zeichnungen abgedruckt. Es ist äußerst spannend, sich selbst auf Schuhböcks Köpfe einzulassen und dann die Kommentare daneben zu lesen oder diese in der kleinen Broschüre zu studieren, die zur Ausstellung erschienen ist.

„Ein Wunder, wie viele Gedanken und Gefühle ein Gesicht verstecken kann“, formuliert Raphael Seifried. Einen „Panzerknacker“ erkennt Traunsteins Alt-Oberbürgermeister Fritz Stahl in einem Kopf und der evangelische Dekan Peter Bertram ist sich sicher: „Musik macht den Kopf frei“. Während der katholische Seelsorger Christoph Nobs ein „vulkanisches Wesen, nicht Graumaus normiert“ ausmacht, erzählt uns Eva Deppisch in Anlehnung an ein Märchen von Hans Christian Andersen die spannende Kurzgeschichte eines gerissenen Verführers, der den Splitter im eigenen Auge nicht erkennt.

Künstlerischer Dialog mit Betrachter

Gerade die Form und Stilistik der Köpfe von Günther Schuhböck reizen zum künstlerischen Dialog mit dem Betrachter. In surreal übersteigerter Weise verschwimmen Innen- und Außenwelt, archaische Seelenbilder, Traum und Wirklichkeitserfahrungen. In ihrer ursprünglichen Kraft, Farbexpressivität und Direktheit ähneln die Werke Bildern von Kindern oder Psychiatrie-Patienten, die keinen kaltlassen. Schuhböck porträtiert hier keine bestimmte Person, sondern zeigt Menschentypen, Wesensmerkmale und Deformationen des Menschen und seiner zerbrechlichen Existenz. Dass der Künstler dabei auch als Meister satirisch-ironischer Zuspitzung manch komische Wesenszüge seiner Mitmenschen aufzuspießen weiß, sorgt humorvoll für das Salz in der Suppe. Nur dass einem dabei das Lachen mitunter auch im Halse stecken bleibt.

Bereits 2012 zeigte die Städtische Galerie zum zehnten Todestag von Schuhböck eine Werkschau. In den „aufwühlenden, verstörenden und rücksichtslos sezierenden Bildern“, wie es in einer Kunstkritik hieß, hielt der 1937 in München geborene Künstler dem Betrachter den Spiegel vor. Bereits als Sporttherapeut der deutschen Eiskunst-Nationalmannschaft, als Marathonläufer und Fallschirmspringer lotete er immer wieder die Möglichkeiten und Grenzen der physischen Existenz aus.

Nachdem er in den 80er-Jahren die Malerei als ideales Tätigkeitsfeld für seine Kreativität und expressive Schaffenskraft entdeckt hatte, arbeitete er als Autodidakt und wahrhaft „Kunstbesessener“ unermüdlich an der Vervollkommnung seiner Mittel.

*

Die Ausstellung „Köpfe“ ist bis 4. März, jeweils Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, zu sehen. Ausstellungsrundgänge gibt es unter dem Motto „Kunst am Morgen“ am 20. Februar um 11 Uhr sowie bei der Finissage am 4. März um 15 Uhr.

Artikel 4 von 6