Rosenheim – Kontrastreich und widersprüchlich, mag man meinen, sei das Zusammenspiel von Orgel und Saxofon, aber Nicole Heartseeker (Orgel und Klavier) und Mulo Francel (Saxofon und Klarinette) bewiesen beim Benefizkonzert „Angel Affair“ im ausverkauften Kirchensaal der Rosenheimer Apostelkirche das Gegenteil. Die beiden Instrumente können sehr wohl miteinander: Heraus kam ein grandioser, lang nachhallender Hörgenuss, eine Melange aus Klassik, Tango-Musik, Balladen und Jazz – fantastische und fantasiereiche Klänge, die durch das in unterschiedlichen Farben angestrahlte Glasscherben-Mobile im runden Innenraum noch zusätzlich an Intensität gewannen. Die Musik – eine Reise durch verschiedene Kontinente und Zeiten – passte auch stimmungsgleich zur namensgebenden Veranstaltung, war das Benefizkonzert doch von und für Plan International ausgerichtet, eine Kinderhilfsorganisation, die in über 70 Ländern vertreten ist.
Von der Orgelempore herab gab es „Lisboa“, eine Liebeserklärung des in Wasserburg lebenden Komponisten und Pianisten Peter Ludwig an die portugiesische Stadt. Weiter ging es mit Klavier und Altsaxofon nach Kalifornien: Bei der Ballade „Nature Boy“ von Eden Ahbez (1908 bis1995) bewegten sich die Instrumentalisten schwermütig zwischen Walzer und Jazz, ehe sie ihre Zuhörer nach Paris entführten. Tango-Musik von Peter Ludwig erklang, verschiedenste Rhythmuswechsel, parallele Läufe und gegenläufige Melodien für Klavier und Sopransax – ein grandioses Zusammenspiel. Und weiter ging die „Grand Voyage“ – mit seinem Baritonsaxofon zauberte Mulo Francel Didgeridoo-ähnliche Klänge, eine faszinierende klangliche und rhythmische Vielfalt, die die in die tiefen Töne einfallende Orgel auf wunderbare Weise ergänzte. Mit „Meteora“ und der „Reise nach Batumien“ lockten Orgel und Saxofon als wunderbare Erzähler an magische Orte und zu anderen Kulturen.
Dass sich Heartseeker und Francel aber nicht nur in der modernen, jazzigen Musik wohlfühlen, sondern auch Klassik können und lieben, bewiesen sie mit „Tiepolo“, einer Hommage an das von Tiepolo gestaltete Treppenhaus der Würzburger Residenz, und Max Regerschen (1873 bis 1916) Orgelfantasien, gefolgt von argentinischer Tango-Musik von Astor Piazzolla (1921 bis 1992) und französischer Romantik mit „Après un reve“ des französischen Komponisten Gabriel Faure (1845 bis 1924). Die Mut zum Improvisieren und Mut zum Kombinieren zweier eigentlich gegensätzlicher Instrumente zeichnet die beiden Musiker aus. Mulo Francel, bekannt durch Quadro Nuevo, spielte bereits in der New Yorker Carnegie Hall und auf dem Montreal Jazz-Festival, aber auch als Straßenmusiker auf italienischen Plätzen. Nicole Heartseeker hingegen hat ihre musikalischen Wurzeln in der Welt der Orgelkunst von Johann Sebastian Bach und Max Reger und konzertiert mit namhaften Solisten der klassischen Musikwelt. Sakrale Tonkunst und lasziver, weltlicher Klang wohlfein zusammen zeigten sich auch bei den Zugaben: sowohl die sanfte Jazz-Ballade „Moonlight over Rosenheim“ (eigentlich „Moonlight über Vermont“ von Karl Suessdorff (1911 bis 1982)) als auch die feurige und rasant-scharfe „Paprika“ von Mulo Francel waren „Angel Affair“: engelsgleich, sinnlich und würzig.