Die eigenen Monster freigelassen

von Redaktion

Uraufführung von „Medusas Kinder“ von Alexander Zinn im TAM-Ost

Rosenheim – Medusa war in der griechischen Mythologie eine Gorgone, eine Schreckensgestalt. Als sie von Perseus enthauptet wurde, entsprangen ihrem Rumpf ihre Kinder. Die Figur der Medusa nahm Alexander Zinn als Metapher für sein Buch „Medusas Kinder“, das er jetzt für das TAM-Ost als Drama inszenierte.

Der puristisch gestalteten Bühne in Weiß genügen zwei kleine Elemente als Sitz und Tisch. Die alle in Schwarz gekleideten Darsteller setzen sich hier optisch bestechend in strengem Kontrast in Szene. Alexander Zinn hat seine Texte mit philosophischen Gedanken bereichert, und Hilke Meyer in der Figur der Elsa Rosenfeld, von ihren Kindern als Medusa bezeichnet, formuliert diese Überlegungen immer wieder am Rande des Geschehens. „Du wirst nur finden, was du einmal zurückgelassen oder verloren hast: Unzufriedenheit“ ist eine ihrer Aussagen. Dies eint die sonst so verschiedenen, längst erwachsenen Kinder Georg (Günther Hendrich), Antonia (Susanne Braune), Elisabeth (Angelika Sewald-Löffelmann) und Justus (Christian Swoboda). Oliver Heinke als Gustav Brink, Ehemann Elisabeths und Monika Hochmuth als Frau von Justus sowie Gabriela Schmidt in der Rolle der Tante Hanna erweitern das Spektrum der Charaktere. Da ist Georg, ein Anwalt, dessen Promiskuität seine Ehe zerstörte. Günther Hendrich zeichnet die Isoliertheit und Traurigkeit dieser Figur genau. Susanne Braune als Antonia, der drogenabhängigen Ärztin, gibt ihrer Rolle vehement und tiefgründig Ausdruck in scharfem Zynismus, mit dem sie den anderen gegenüber ihre Einsamkeit und Verzweiflung zu kaschieren versucht.

Angelika Sewald-Löffelmann als Elisabeth offenbart in Laufe ihres eindringlichen Spiels ihre Frustriertheit in einer Ehe, die aus einem Neben- und nicht Miteinander besteht und ihre ungelebten Träume von einem Leben auf der Bühne.

Oliver Heinke als ihr Ehemann Gustav gelingt die Darstellung eines kleinen Künstlers in beeindruckender Verkörperung von Bedeutungsdrang, Überheblichkeit und dem gleichzeitigen Bemühen um Harmonie. Christian Swoboda ist Justus, der Jüngste der Geschwister. Er spielt eindrucksvoll die Rolle des Angepassten, der versucht, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und der besonders unter den dramatischen Geschehnissen in der Kindheit leidet. Monika Hochmuth als seine naive Frau, fühlt sich zunehmend sichtlich unwohl in der Gesellschaft dieser zerrissenen Familie. Gabriela Schmidt als Tante Hanna setzt diese zu Beginn als überzogen munter agierende Person in Szene, um im zweiten Teil des Stückes energisch und heftig zu versuchen, die Kinder zur Räson zu bringen, und auch unschöne Wahrheiten aufzudecken. Ihr habt eure Monster freigelassen!“, schreit sie ihnen gegen Ende entgegen.

Alexander Zinn hat mit seiner Inszenierung eine eindringliche Umsetzung seines Buches auf die Bühne gebracht. Die verschiedenen Figuren hat er sorgfältig ausgewählt und mit stimmigen Darstellern besetzt. Familienkonflikte brachte er packend zum Tragen und stellte die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen trotz unglücklicher Kindheit hervorragend heraus.

Inhalt

Nach 20 Jahren kehren die Kinder von Elsa Rosenfeld anlässlich der Beerdigung ihrer Mutter, die sie „Medusa“ nennen, in ihr verwaistes Elternhaus zurück. Georg, Antonia, Elisabeth und Justus treffen dort ihre Tante Hanna, die erst mit Fürsorglichkeit versucht sie wieder zusammenzuführen. Doch die alten Konflikte und Wunden reißen wieder auf. Auch den Ehepartnern von Elisabeth und Justus misslingt es, Harmonie in die zerrissene Familie zu bringen. Im Laufe des Abends vertiefen einige Geständnisse stattdessen die Kluft zwischen ihnen allen noch mehr und die Situation eskaliert.

Wie war’s?

Betina Achtelstetter aus Rosenheim:

Mir hat die Inszenierung total gut gefallen, auch das Bühnenbild fand ich toll. Die Texte mit philosophischen Aspekten waren beeindruckend. Hervorragend fand ich besonders Oliver Heinke als Gustav Brink. Er brachte gelungen einen anderen Typus ins Spiel. Von Grund auf war für mich das ganze Spiel, die ganze Dramaturgie ausgezeichnet. Hut ab!

Weitere Aufführungen

Bärbel Marx aus Stephanskirchen: Ich war gebannt, gefesselt. Die Familie als Schauplatz von großen Tragödien innerhalb des familiären Systems wurde gut entlarvt. Vor der Pause gefiel mir Susanne Braune als Antonia besonders gut. Am Ende wurde Gabriela Schmidt als Tante Hanna immer stärker in ihrem Spiel. Das Stück zeigt, dass jeder, abgesehen vom Erbe, Eigenverantwortung zu tragen hat.

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