Rosenheim – Bei den klirrend kalten Wintertemperaturen hatten sich nur wenige Besucher in der Aula des Ignaz-Günther-Gymnasiums eingefunden, um Schuberts düsterem Liederzyklus der „Winterreise“ zu lauschen. Anja Schwarze-Janka (Sopran) und Aaron Löchle (Klavier), Patentante und Patensohn, versetzten die Hörer in eine Welt voller Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe und tiefer Verzweiflung. Um, wie Schwarze-Janka erklärte, den „Geist zu klären für den Abend, der jetzt kommt“, spielte Löchle zunächst das Präludium und die Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach.
Die innere Kälte des einsamen, verlassenen Wanderers kam ausdrucksvoll bereits im ersten Lied „Gute Nacht“ zur Geltung. Anja Schwarze-Jankas heller, klarer Sopran, den sie in der dritten Strophe zugleich mit Leidenschaft und Wehmut zum Erklingen brachte, wurde von Aaron Löchle behutsam begleitet. Im Lied „Die Wetterfahne“ stürmte Löchle mit vorwärtsdrängenden Akkorden voran, bildete zum kristallenen Timbre der Sängerin eine effektvolle Untermalung. Bei den „Gefrornen Tränen“ konnte man die Erstarrung des einsamen Wanderers direkt spüren, während im träumerischen Lied vom Lindenbaum Schwarze-Jankas zartes Tremolo ergriff.
Gegen die Idee, den Zyklus mit erklärenden Texten von Zeitgenossen Schuberts und Schriftstellern anzureichern, wäre nichts einzuwenden gewesen, hätte man sie zu Beginn an einem Stück vorgetragen. Durch die Unterbrechungen aber wurde der Hörer immer wieder aus der geheimnisvollen Traumwelt Schuberts herausgerissen. Düstere Stücke von Rachmaninow und Brahms, die Löchle kraftvoll und mit großer Sensibilität zu Gehör brachte, unterbrachen den Zyklus zusätzlich. Das war schade, sollte doch Schuberts geniale Musik eigentlich Programm genug sein.
Hell, licht und rein sang Schwarze-Janka den „Frühlingstraum“, ergreifend war das Lied „Im Dorfe“, in dem der einsame Wanderer, der selbst mit allen Träumen zu Ende ist, über die in ihren Betten friedlich schlafenden und träumenden Menschen nachsinnt. Vergebliche Hoffnung strahlte das Lied „Die Post“ aus, das die Sopranistin zu perlender Klavierbegleitung mit Innigkeit intonierte. Das Lied „Die Krähe“ brachte die Sopranistin mit einer solch berückenden Melancholie zu Gehör, dass man feuchte Augen bekam, den „Leiermann“ hingegen hätte sie mit noch mehr Verzweiflung singen können.
Zwischen den Liedern hätten die Pausen noch kürzer sein können, wodurch die Rast- und Ruhelosigkeit des Wanderers deutlicher betont worden wäre. Dass Schubert nicht das scheinbar zuversichtliche Lied „Mut“, sondern eben den „Leiermann“ an das Ende seines Zyklus gestellt hat, zeigte deutlich den Zustand des bereits schwer kranken Komponisten, der ein Jahr nach Vollendung der „Winterreise“ starb.