Aus dem Volksmusikarchiv

Der Volksliedforscher Professor Dr. Kurt Huber

von Redaktion

Oberbayerische Volksliedsammlung aus professoraler Sicht

Bruckmühl – Am Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern beschäftigen wir uns auch mit Personen, die in der Volksmusiksammlung, in Pflege und Forschung arbeiten und gearbeitet haben. Es ist immer wichtig und sinnvoll, das Wirken von Menschen und die persönlichen Ansichten und Triebfedern kennenzulernen.

Angesichts des Beitrages über die studentische Widerstandsbewegung der „Weißen Rose“ vor 75 Jahren in München gegen den Nationalsozialismus in dieser Zeitung (20. Februar) sei hier in aller gebotenen Kürze auf Professor Dr. Kurt Huber und seine Beziehung zur traditionellen regionalen Volksmusik eingegangen. Beeindruckend die Erinnerungen des Sohnes Wolfgang Huber an seinen Vater: Die kleinen privaten zwischenmenschlichen Dinge im Leben geben Einblick in das Wesen des Menschen Kurt Huber, der aufgrund seiner Ausführungen vor dem Volksgerichtshof und seiner Hinrichtung 1943 in Stadelheim im Nachkriegsdeutschland als wichtiger Teil des Widerstands gegen das Hitler-Regime gilt.

Kurt Huber wurde 1893 in Chur in der Schweiz geboren. Als promovierter Musikwissenschaftler wurde er 1926 außerordentlicher Professor für Psychologie an der Universität München. Schon 1925 begann der junge Gelehrte auf Anregung seines Berliner Lehrers Prof. Carl Stumpf (1848 bis 1936) im Auftrag der Deutschen Akademie mit der Sammlung und Erforschung altbayerischer Volkslieder. Dabei traf er in Josefstal am Schliersee mit dem Kiem Pauli zusammen. Kiem Pauli und Kurt Huber beschlossen damals, gemeinsam an der Sammlung und Herausgabe oberbayerischer Volkslieder zu arbeiten.

Seine Professur an der Universität München ließ Huber nicht allzuviel Zeit für die Volksliedsammlung. Dafür standen ihm aber Geräte zur Tonaufzeichnung der gesungenen Lieder zur Verfügung. Bis 1932 benützte Huber einen Phonographenapparat mit Draloton-Wachswalzen zur Liedaufnahme. Von 1932 bis 1935 schnitt er selbst Schallplatten. Diese wertvollen Tondokumente sind heute noch teilweise erhalten.

Einige gemeinsam mit dem Kiem Pauli in Oberbayern gesammelte Lieder erschienen 1930 als „Oberbayerische Volkslieder“ als 23. Bändchen in der nach landschaftlichen Gesichtspunkten geordneten Reihe des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg. 1936 gaben Huber und Kiem für die Volksliedpflege das „Altbayerische Liederbuch für Jung und Alt“ heraus. Seine Witwe Clara Huber veröffentlichte nach dem Krieg aus den fertiggestellten Materialien Hubers das „Niederbairische Liederbuch“ (1954) und in der Aufsatzsammlung „Volkslied und Volkstanz“ einige Ausarbeitungen Hubers zur „Volksliedkunde des bajuwarischen Raumes“ (1959). Der größte Teil von Hubers Materialien und gesammelten Liedern befindet sich im unveröffentlichten Nachlass.

Kurt Huber gab durch seine Funktion als Preisrichter bei mehreren Volksliederpreissingen ab 1930 (so in Egern, Traunstein, Mainburg) starke Impulse für die Volksliedpflege. Er wertete die Lieder mit „echt“, „alt“, „bodenständig“ und legte in Schriften und Rundfunksendungen aus seiner Sicht und auf der Grundlage seines Sammelmaterials Kriterien für die Volksliedpflege dar. Zugleich arbeitete Huber über Teilbereiche der Volksliedkunde (zum Beispiel Zwiefache, Weihnachtslieder) in wissenschaftlicher Form. Eine „Typologie des deutschen Volksliedes“ blieb unvollendet.

Nachdem Kurt Huber 1933 dem Nationalsozialismus in Deutschland und seinen kulturpolitischen Zielen durchaus positiv gegenübergestanden hatte, wendete er sich aus eigener Erfahrung mit dem System mit aller Konsequenz davon ab. Die Zusammenarbeit Hubers mit dem studentischen Widerstandskreis „Weiße Rose“ war 1943 der Anlass für seine Verurteilung und seine Hinrichtung in Stadelheim am 13. Juli. 1943.

Wenn auch aufgrund der durch Feldforschungen und Dokumentationen der regionalen musikalischen Volkskultur in der Gegenwart vorhandenen Materialfülle nicht alle seiner auf damals kleiner Materialbasis erstellten Ansätze und Thesen zur Bewertung von Volkslied, Volksmusik und Volkstanz in den 1930er-Jahren in heutiger Sicht stimmig erscheinen, gebührt Professor Dr. Kurt Huber ein wesentlicher Anteil an der positiven Bewusstseinsbildung zu Wert und Ausprägung der überlieferten Volksmusik in Oberbayern, die die heutige Breitenwirkung und demokratische Pluralität von regionaler Volksmusik und ihrer Pflege ausmacht.

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