Leben als Traum des Regisseurs

von Redaktion

Das Theater „Regiealsfaktor“ spielt Calderóns „Leben ein Traum“ in der Vetternwirtschaft

Rosenheim – Ein Theaterbesuch in der Rosenheimer „Vetternwirtschaft“ ist immer ein Abenteuer. Diesmal war es abenteuerlich kalt. Die Zuschauer saßen in Daunenanoraks, Schals und Mützen eingemummelt und mit Decken auf den Knien da – und schauten mitbibbernd der Hauptdarstellerin zu, die fast die ganze Zeit nackt war.

Nackt, wie man geboren wird, nackt wie die Sünde, zurückgeworfen auf die nackte schuldbeladene Existenz: „Denn des Menschen größte Sünde ist, dass er geboren ward.“ So sagt es der Prinz Sigismondo in „Das Leben ein Traum“ von Calderón de la Barca. Dominik Frank als Regisseur hat mit seinem „Theater Regiealsfaktor“ ein dreistündiges barock-modernes Gesamttheaterkunstwerk daraus gemacht, in dem er alles vermischt und damit auch alles verwirrt, aber auch philosophisch hinterfragt und das barocke Denken theatralisiert: Ist das Leben nicht ein Theaterspiel?

So mischt Frank die Erzählebenen, lässt die Schauspieler öfters aus ihrer Rolle treten und diese kommentieren oder lässt in einem Video einen Calderón-Forscher über eine Namensverwechslung spekulieren, bringt das „Raumschiff Enterprise“ und Natascha Kampusch ins Spiel, die Darstellerin der Estrella (Marie-Sophie Ernst) referiert über die Philosophien von Gottfried Wilhelm Leibniz und Gilles Deleuze und sprichtanzt den Hymnus auf den Körper von Michel Foucault.

So mischt Frank die Geschlechterrollen: Sophia Pölcher spielt mit vollem Körpereinsatz den männlichen Prinzen Sigismondo und – einfach mit Clownsnase – gleich den Diener Clarin, inszeniert – so das Programmheft – die Verwirrung über die eigene Identität und hebt damit die Thematik auf die allgemein menschliche Ebene: Ist unser Leben nur ein Traum, Raserei, hohler Schaum, ein Gedicht, ein Schatten kaum?

Sophia Pölcher geht mit dem metaphernreichen Text auch am besten um, wohlartikuliert und prononciert. Justus Dallmer als König Basilio bleibt ein bisschen trocken, wie eben ein Hobby-Astrologe, den er spielt. Anna Sichlinger als Rosaura, die Astolfo töten oder heiraten will, spielt besser als sie spricht.

So mischt Dominik Frank auch die Theaterstile: Dieses philosophische Gedankendrama wird durchwirkt mit Elementen einer Boulevardkomödie: Estrella und Astolfo (Yoshi Goldberg) agieren mit Barock-Perücken als Harlekins-Figuren, (zu) viele Video-Sequenzen und Stummfilm-Slapstick samt Bild-Tafeln wechseln sich ab mir Sitcom-Szenen samt eingespielten Lachern.

Vor allem aber macht Dominik Frank das eigentliche Happy end zu einem grausam-absurden Ende: Sigismondo tötet alle, alles wird vom auf der Bühne anwesenden Regisseur gleichzeitig gefilmt: Ist alles nur ein Traum des Regisseurs? Agiert der Regisseur hier als alles lenkender Gott?

Zum Inhalt

Hans-Ulrich Paul aus Rosenheim: Es hat mich verwirrt und etwas berührt, weil barocke Sentenzen und auch moderne Sentenzen ganz fantastisch vermischt wurden. Man muss nochmal nachdenken, was man alles gesehen und gehört hat, aber nach der Einführung hat man genau gewusst, dass hier mehrere Personen mehrere Rollen spielen. Ein gelungener Abend. Obercool!

Wie war’s?

Weil ihm die Sterne prophezeien, dass sein Sohn Sigismondo ihn stürzen wird, lässt König Basilius diesen totsagen und in einem Turm gefangen halten. Als sein Neffe Astolfo und seine Nichte Estrella um die Thronfolge streiten, holt ihn der König Sigismondo für einen Tag aus dem Turm und setzt ihn auf den Thron. Da entpuppt sich Sigismondo allerdings als blindwütiger Tyrann, deshalb muss er wieder zurück in den Turm, wo man ihm einredet, alles sei nur ein Traum gewesen. Als eine Revolution ausbricht und Sigismondo gewaltsam wieder auf den Thron gebracht wird, zieht er die Lehren aus seinem „Traum“ und handelt nur noch gut und ehrenwert.

Weitere Vorstellungen

Peter Eschbaum aus Zaisering: Am besten war die letzte Szene, die hab ich am besten verstanden. Es ist eigentlich immer spannender geworden, am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, jetzt am Schluss war es richtig toll. Was ich auch toll finde, waren die Schauspieler, echt Klasse. Ich finde, dass es sich gelohnt hat, hierher zu kommen – auch wenn es sehr kalt war.