„Na packt’s n halt z’samm!“

von Redaktion

Sebastian Weyerer hat ein bairisches Passions-Oratorium wiederentdeckt

Bad Endorf – Für die Passionszeit gibt es die berühmten Bach’schen Passionen, es gibt mit „Jesus Christ Superstar“ eine Passions-Rock-Oper, es gibt vertanzte Passionen – doch die Passion gibt es auch auf Bairisch. Darauf tatkräftig hingewiesen zu haben ist das Verdienst von Sebastian Weyerer, der mit seinem Ludwig-Thoma-Chor Prien in der vollbesetzten St.-Rupert-Kirche in Stephanskirchen bei Hemhof das Passionsoratorium „Oaner geht um im Land“ aufgeführt hat.

Doch vor dieser Passion gab’s „hinführende“ Musik und Worte: Saitenmusik in verschiedenen Mollfärbungen vom feinsinnig und -tönig aufspielenden Chiemgauer Saitenensemble, Passions-Volkslieder, in reinen Akkorden und mit klarer Diktion gesungen von den Schwarzenstoaner Sängerinnen, Chorlieder, unter anderem auch vom insgesamt straflässig vernachlässigten Cesar Bresgen, kraftvoll und auch im besinnlich klingenden Piano gesungen vom Ludwig-Thoma-Chor, wobei auch die Zuhörer mitsingen durften, und hinführende Texte von Josef Götzmann, von Regina Wallner energisch vorgetragen. Dieser Teil war genauso lang wie die folgende Passion selbst: Das nahm dieser Passion doch etwas an Bedeutung.

Und bedeutend ist sie: Walter Diehl, früher Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, hat das Passionsgeschehen, beginnend mit dem Verrat des Judas und endend mit Christi Tod am Kreuz, in ein gradraus-umstandlos schilderndes Drama mit vielen spannenden Dialogen verwandelt, alles in unverfälschtem Bairisch. Wilhelm Keller, Carl-Orff-Spezialist und Komponist bei den Salzburger Adventssingen, hat dazu die Musik geschrieben: melodisch und rhythmisch stark von Carl Orff geprägt, nicht nur wegen der vielen Schlagzeuginstrumente, verbunden mit kirchentonaler Harmonik und auch mit der alpenländischen Dreigsang-Tradition, vor allem in guter Orff-Tradition der bairischen Sprachmelodie folgend, bisweilen polyrhythmisch, oft syllabisch, oft daktylisch vorantreibend: durchaus reizvoll und klanglich herb, damit einer Leidensgeschichte gerecht werdend.

Einen großen instrumentalen Anteil hat die Oboe, hervorragend gespielt von Gabi Roßberger, die immer wieder als jeweilige Einstimmung Erzählpassagen einleitet und dann nach Jesu Tod einen langen Klagegesang in Sekundschritten, dem alten Schmerzens-Gestus, anstimmt.

Immer wieder treten die sprechhandelnden Personen vor, streiten miteinander sehr dramatisch, vor allem Judas (heftig: Wolfgang Bachleitner) und Kayphas (kräftig: Franz Meyer) sowie Pilatus (autoritätsvoll: Georg Gilgenrainer) und Pilatus singt genervt: „Na packt’s n halt z’samm!“ Petrus (kraftvoll: Franz Auer) wird ganz handfest von den Frauen angegangen. Der Vorsänger erzählt von der Kanzel herab: Rupert Schaeffer singt klar und gerade. Alle agieren mit großer Leidenschaft und dramatischer Vollblütigkeit. Einen sehr schönen Ruhepol bieten die Duette von Johannes (schön lyrisch: Johannes Loferer) und Maria (schlicht demütig: Agnes Staber).

Der Chor singt oft heftig geifernd oder hetzend oder fordernd als Jüngerchor: „Des ko net sein! Jetzt sag grad amal: Wer is? Wer is?“ Die Soldaten kommen im wüsten Männerchor-Sprechgesang, die Judenmenge wütet mit vollem Stimmeinsatz, alles in deutlicher Artikulation: Sebastian Weyerer hat da als Chorpädagoge hervorragende Arbeit geleistet.

Diese Passion endet mit einem aufsteigenden Harfen-Arpeggio wie die aufsteigende Seele. Diese Passion möchte man aber noch öfters hören: Sebastian Weyerer hat da einen herausragenden Fund gemacht, eine wertvolle Alternative in kleinerem Rahmen zu den bisherigen Passionen. Es muss nicht immer die große Passion sein.

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