Jazz-Lokal geht in neue Hände über

Petra macht jetzt Halligalli

von Redaktion

45 Jahre war Petra Rose Wirtin in Rosenheims berühmtem Jazzlokal „Le Pirate“

Rosenheim – Jazzkneipen vermutet man in einem dunklen Kellergewölbe, aber nicht im ersten Stock eines ganz normalen Stadthauses mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Im engen Treppenhaus geht es hinauf, und hinter der Tür mit dem kleinen Guckloch ist keine Stadtwohnung, sondern eines der berühmtesten Jazzlokale im Südosten Bayerns, das „Le Pirate“. Links neben dem Eingang befindet sich eine ganz kleine Bühne, daneben eine Wand mit Fotografien von Musikern, die hier schon aufgetreten sind. Vor der Bühne sind einige Tische, rechts daneben eine lange Bar. Nur etwa 40 Besucher haben hier in diesem größeren Wohnzimmer Platz. „66 sind es, wenn es ganz voll ist und auch die Stehplätze besetzt sind“, sagt Petra Rose.

Seit 1973 ist sie hier die Wirtin. Jetzt, nach 45 Jahren, ist Schluss. „Irgendwann muss man aufhören“, meint sie. „Ich mach zu‘, hab ich einem Bekannten gesagt“, erzählt sie. „,Was machst du dann?‘, hat er gefragt. ‚Halligalli‘, hab ich gesagt. ‚Wo ist das?‘, war seine Frage“, sagt sie lachend.

Viele Jazzfans und Stammgäste können es noch gar nicht glauben, dass es Petra Rose als Wirtin bald nicht mehr geben wird. Man sieht es ihr auch nicht an, dass sie bereits im Rentenalter ist. Immer noch ist sie trotz aller Schwierigkeiten und Schicksalsschläge voller Lebenslust.

Eine preisgekrönte Wirtin

Sie hätte es sich wohl auch nicht träumen lassen, dass sie als Wirtin des „Le Pirate“ einmal zu einer Rosenheimer Institution wird, die 2001 mit dem Kleinkunstpreis der Stadt und 2010 mit dem Kulturpreis des Wirtschaftlichen Verbands ausgezeichnet wurde, bei der deutsche und internationale Jazzgrößen zu Gast waren wie Joe Haider, Jimmy Woode und Charly Antolini, aus deren Jazzwohnzimmer Ensembles wie Quadro Nuevo sich aufmachten, Karriere zu machen.

Petra Rose, geborene Jürgens, hatte nach ihren Worten eine „komplizierte Herkunft“. Ihre Großmutter war eine russische Adelige, die mit ihrem Großvater nach der russischen Revolution von St. Petersburg nach Helsinki floh. Dann zog die Familie ihres Vaters ins lettische Riga. Ihre Mutter war Berlinerin. Als Flüchtlinge sind ihre Eltern 1945 nach Bayern gekommen. „Wir wohnten erst in Rott. Auch die Großeltern sind aus Estland dann nachgekommen“, erzählt sie. Aber die Kindheit war nicht unbeschwert. Die Eltern trennten sich.

„Die Mutter war aus gutem Hause, hatte dann aber nichts mehr, denn das gute Haus war in Ostberlin“, sagt Petra Rose. So zog ihre Mutter in Rosenheim allein ihre vier Kinder auf und arbeitete als medizinisch-technische Assistentin im Krankenhaus. Die Oma aus Ostberlin kam schließlich, als sie im Rentenalter die DDR verlassen durfte, auch nach Rosenheim und machte den Haushalt. Sie selbst ging in Rosenheim in die Mädchenrealschule. „Wir waren da die ersten Evangelischen, meine Schwester und ich.“

Später hatte die Mutter noch einmal geheiratet. „Da war ich 15. Mein Stiefvater wollte uns erziehen, obwohl wir ganz anständig und brav waren. Er trieb uns aber damit aus dem Haus.“ Dann ging das Leben schnell weiter. „Am 16. Geburtstag habe ich meinen ersten Mann kennengelernt. Er war sechs Jahre älter. Mit 17 war ich schon schwanger und hab einen Sohn bekommen.“ Er lebt heute in München.

„Hier drinnen ging gleich die Post ab“

Wegen ihres Mannes, von dem sie sich 1979 scheiden ließ, wurde sie Wirtin. „Er hatte das ,Big Bag‘ übernommen, eine Kneipe in der Samerstraße. 1973 haben wir das Lokal hier übernommen. 1979 ist dann mein damaliger Mann hier raus, nach einer harten Zeit, in der ich ordentlich erwachsen geworden bin.“ Und sie erzählt weiter: „Hier, wo jetzt das ,Le Pirate‘ ist, war vorher eine ganz normale Wirtschaft gewesen, das Ringstüberl. Das Lokal hatten drei Studenten übernommen, das hat aber nicht geklappt. Wir tauften das Lokal um und hier drinnen ging gleich die Post ab“, erzählt Petra Rose von den Anfängen im „Le Pirate“.

Schon 1973 spielte hier der Pianist Peter Ludwig. „Den kannte ich schon, denn er wohnte im Haus vom „Big Bag“. Dann kam Gerhard Francesconi dazu, ein begeisterter Jazzer. Er war damals Pharmaziestudent und wurde dann Apotheker“, erinnert sie sich. „Der Gerhard hat im „Domizil“ in München die ganzen berühmten Musiker kennengelernt und hat sie dann hierher vermittelt. Schnell bekam das Le Pirate einen guten Namen, was die Musik anbelangt. Damals schon sind Joe Haider und viele Jazzstars hier aufgetreten“ , sagt sie etwas stolz.

Später sei es dann etwas ruhiger geworden. „Ende der 70er Jahre war eine Zeit lang nichts los mit Jazz“. Anfang der 80er Jahre ging es aber wieder weiter mit der Musik. Petra Rose erinnert sich: „Ich hatte eine Anzeige für einen Pianospieler im OVB aufgegeben. Susi Weiss meldete sich. Sie konnte anfangs nur klassisch, keine Barmusik. Sie hat sich die selber beigebracht. Dann ging es los. Es kamen die jungen Musiker Peter Miesbeck, Richard Prechtl, Didi Lowka, Mulo Francel. Die haben hier jeden Sonntag gespielt. Peter Miesbeck wohnte hier im Haus. Der war als Schlagzeuger immer dabei.“

Petra Rose selbst suchte in einer neuen Verbindung neues Glück. Sie heiratete 1983 einen Basketballspieler. Er machte die Außenkontakte. Der konnte das. Für ihn war alles „no problem“.

Schließlich habe man auswählen können, wer spielen darf. So habe es in den 80er- Jahren einmal in der Woche ein Konzert und dann seit den 90er-Jahren mehrmals pro Woche. Heute kämen die Stars von überall her.

Aber reich werden könne man mit so einem Laden nicht, sagt Petra Rose. Ein bisschen wehmütig und auch stolz ist sie doch: „Die spielen alle gerne hier. Die Musiker bedauern, dass ich aufhöre.“ Mulo Francel bezeichnet das „Le Pirate“ als sein „Kinderzimmer“. Florian Opahle, der jetzt bei Jethro Tull spielt, hat hier angefangen. Auch die Gall-Brüder aus Bad Aibling, Peter und Chris, hatten hier ihre ersten Auftritte. Der Gitarrist Robert Wolf habe es geliebt, im „Le Pirate“ zu spielen und dabei immer viel Kaffee getrunken. Die Musiker hätten sich hier angenommen und aufgenommen gefühlt. „Die waren bei mir keine Dienstleister. Ich habe ihnen hier jede Freiheit gelassen“. Was ihr am besten gefallen habe, kann sie gar nicht sagen. „Das ist wie bei einer Edelsteinkette. Da ist jeder Stein etwas Besonderes. Jazz, Blues – die Mischung macht’s“.

Petra Rose hatte einige Enttäuschungen und Schicksalsschläge zu ertragen. Seit neun Jahren ist sie mit Gerd Rose zusammen. Vor sieben Jahren haben sie geheiratet. Nun hat sie sich entschlossen aufzuhören. „Es ist schon ein Kampf. Es gibt immer mehr Lokale, immer mehr Veranstaltungen. Als ich anfing, war noch nirgends was los.“

Im „Le Pirate“

geht es weiter

Die berühmten Jazzer spielen im „Le Pirate“ für wenig Geld. „Die treten immer für den Eintritt auf. Aber dazu kommen noch die Kosten für die Gema und Werbung.“ Geld ist aber auch nicht der Grund, für Petra Roses Engagement für die Musik und die Musiker: „Was ich für die Kultur mache, mache ich aus reinem Spaß. Ich hole mir die Kunst hierher, weil ich keine Zeit habe, hinzugehen.“

Die Jazzfreunde bräuchten aber keine Angst zu haben, beruhigt Petra Rose. Seit wenigen Tagen ist die Nachfolge geregelt: „Ich höre am 30. April auf. Dann wird zwei Wochen renoviert. Dann geht es weiter“.

Sofort ihr „Le Pirate“ zu verlassen, bringt sie aber doch nicht fertig. „Ich werde meinen Nachfolger noch bis Juli unterstützen“. Und danach kann sie Halligalli machen.