Prien – „Ein Jahrhundert – eine Familie – drei Generationen – ein Stück Bayerische Geschichte“ – so titelt das Filmplakat, das zwei schwimmende Männer mit Hut zeigt. Es sind die „Zwei Herren im Anzug“, die dem Film den Namen gaben und die in manchen Szenen erscheinen.
Josef „Sepp“ Bierbichler hatte in seinem Roman „Mittelreich“ Episoden seines eigenen Aufwachsens und Lebens am Starnberger See erzählt. Fiktiv verändert, schildert der Roman familiäre Konflikte und zeitgeschichtliche Entwicklungen rund um den „Seewirt“, den Bierbichler tatsächlich geerbt hat.
Der Film wiederum setzt ein im Jahr 1984, am Ende des Sommers. Im ausgedienten Tanzsaal eines ehemals traditionsreichen Gasthauses am See haben der Wirt und Bauer Pankraz (dargestellt von Sepp Bierbichler) und sein 35-jähriger Sohn Semi gerade die letzten Gäste verabschiedet, die zum Leichenschmaus zu Ehren der verstorbenen Frau und Mutter Theres erschienen waren.
Nun sitzen Vater und Sohn in erzwungener Gemeinschaft beisammen und unterhalten sich über die Vergangenheit: Erster und Zweiter Weltkrieg, alliierte Besatzung, der erste Traktor, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Flüchtlinge, Studentenunruhen, die Familie. Alles kommt stockend und sehr persönlich zur Sprache und (für den Zuschauer) ins Bild. „Ich muss mich erinnern“, drängt es aus Pankraz, als er in einer Schachtel mit alten Bildern kramt.
In Rückblicken und mehreren Handlungssträngen, meist in Schwarz-Weiß und teils in Farbe, nimmt der Betrachter teil an den Lebensstationen der Wirtsfamilie. Da der ältere Bruder Toni (Florian Karlheim, bekannt aus „Eine unerhörte Frau“) aus dem Krieg mit einer Geisteskrankheit zurückkehrt, erbt Pankraz, der eigentlich eine künstlerische Karriere anstrebt, das Gasthaus und heiratet Theres.
Starke Szenen, prägnante Aussagen und große, bühnentypische Konflikte zeichnen den Film aus. Der Filmsohn Semi, gespielt von Bierbichlers Sohn Simon Donatz, konfrontiert den Vater im Zwiegespräch mit der Vergangenheit: „Dein Bruder war ein Nazi“, bricht es aus ihm. Pankraz redet sich heraus: „Ich war erst 31, du kannst das nicht verstehen.“
Es sind zeitgeschichtlich beispielhafte Gespräche und Szenen, die in dem Gasthaus ablaufen. Ausgebombte und Kriegsflüchtlinge treffen sich in der Provinz, der technische und der touristische Fortschritt halten Einzug.
Gedreht wurde ja nicht am Starnberger See, sondern im Schafwaschener Winkel am Chiemsee (wir berichteten). Die Natur des Sees erscheint im Film gefährlich: Ein Sturm entwurzelt riesige Bäume, und die Wellen des Sees schlagen hoch vor der Kulisse der Kampenwand und der Hochplatte.
Es sind surreale und faszinierende Aufnahmen, wenn Gastwirt Pankraz auf einer Eisscholle treibt und seine Verzweiflung herausschreit. Bierbichler zieht als Pankraz alle Register seines schauspielerischen Könnens: Er hält inne, um zu überlegen, dann wieder wirkt er in manchen Momenten dem Wahnsinn nahe. Und er hat im Film einen starken Konterpart mit der famosen Martina Gedeck, die es als Theres mit ihm aufnehmen muss.
Vielleicht die stärkste Szene ist ein massiver Streit zwischen den beiden, in dem Vorwürfe mangelnder Gottesfurcht und der Bigotterie zum Ausdruck kommen. Der Film wirft den Besucher kontrastreich hin und her, spielt mit Klischees von Heimat und Harmonie, um sie auch gleich wieder zu brechen.
Manches ist schwer auszuhalten, so die Szenen von Semi und der Mutter. In Phasen erinnert „Zwei Herren im Anzug“ an die sozialrealistische „Heimat“ von Edgar Reitz oder in seinen Anleihen an Faschismus und alltägliche Unterdrückung an das „Weiße Band“ von Michael Haneke.
Ganz stark sind Szenen einer opulenten und ausufernden Faschingsfeier, die an die Verfilmung der „Blechtrommel“ erinnern oder auch an komödiantische Sequenzen aus Filmen von Marcus H. Rosenmüller. Was den „Zwei Herren im Anzug“ noch das i-Tüpfelchen verleiht, ist die passende Filmmusik. Der junge Pankraz wird im Opernmilieu dargestellt, mit der Arie „Die Frist ist um“. Viele Kompositionen, insbesondere während der sehenswerten Faschingsszenen, stammen aus der Feder von „Kofelgschroa“, die auch live mitspielen. Dem Regisseur und Schauspieler Bierbichler ist ein sperriger und teils verstörender, aber hochinteressanter Film gelungen, der das Thema „Heimat“ aus besonderer Perspektive darstellt.