Rosenheim – Kurt Tucholsky war nicht nur Journalist, Lyriker und Romanautor, sondern auch politischer Aktivist, der als Herausgeber der „Weltbühne“ hellsichtig und vehement gegen die Nazis Stellung nahm. In ihrem Programm „Lerne Lachen, ohne zu weinen“ präsentierten Schauspielerin Sanni Grillenbeck und Pianist Corbinian Meyer auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Hans-Fischer-Saal der Musikschule am Rosenheimer Ludwigsplatz Lieder und Texte Tucholskys.
Grillenbeck und Meyer portraitierten Tucholsky mal frech und drastisch, mal leise, gefühlvoll und melancholisch. Dass die Texte, wie der Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft, Ulrich Noltenhans, erklärte, auch heute noch wunderbar und präzise greifen, zeigte das sympathische Duo bereits im ersten Lied. „Hochverehrtes Publikum, sag mal, bist Du wirklich so dumm?“, sang Sanni Grillenbeck augenzwinkernd mit ironischem Unterton. Schon damals stellte Tucholsky fest: „Es lastet auf dieser Zeit, der Fluch der Mittelmäßigkeit.“
Grillenbecks herbe, lockende, girrende Stimme brachte Tucholskys Rat in dem Lied „Warte nicht zu lange!“ mit solcher Eindringlichkeit zu Gehör, dass im Saal nachdenkliche Stille eintrat. Jeder habe im Leben eine Melodie. Es komme darauf an, seinem inneren Klang zu lauschen und keinen falschen Führern zu folgen. Menschliche Unvollkommenheiten, etwa „Krach machen“, was der Pianist durch raschelndes Papier und dissonante Akkorde hörbar machte, die charakterlichen Ausprägungen von Mann und Frau und die ewige Suche nach Geld, Anerkennung und der großen Liebe waren Themen Tucholskys, die auch heute aktuell sind. Von Grillenbeck und Meyer treffend gespielte Szenen einer Beziehung schienen mit ihrem Aneinander-vorbei-reden, ihren humoristisch eskalierenden Missverständnissen Sketche von Loriot schon vorwegzunehmen.
Verführerisch und kokett sang Grillenbeck „Lege deine Wange an meine Wange“, bewegend und desillusioniert sprach sie das Gedicht „Na, und denn?“, in dem Tucholsky sich Gedanken über die Zeit nach dem Film-Happyend macht. Dass der deutsche Mann ein Beamter der Liebe sei, erheiterte die Zuhörer ebenso wie die gut gespielte, frivole Verruchtheit der Sängerin.
Tucholsky war auch ein leidenschaftlicher Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit, für Freiheit und Demokratie. Bittere Traurigkeit strahlte Grillenbeck aus, als sie mit Tremolo in der Stimme vom Jungen sang, der für den Grabenkrieg erzogen wurde. Zu schrillen Klavierakkorden erklang das Gedicht „Geduld“, viel Beifall erhielten das heute noch gültige Lied über den Kompromiss und ein einfühlsames Liebeslied, das einen berührenden, zum Nachdenken anregenden Abend beendete.