Ein Leben in sechs Minuten gespielt

von Redaktion

Götterlieblingsmusik: Klaviertage der Tiroler Festspiele Erl enden mit einer Matinee

Erl – Die zweiten Klaviertage der Tiroler Festspiele endeten mit einer Matinee, die wieder Modernes mit Klassischem paarte. Die „Variationen op. 27“ für Klavier von Anton von Webern (1883 bis 1945) sind, nach Angaben des Komponisten selbst, eine Reihe von Sätzen, die eine Unterhaltung ergeben, andrerseits erzählen sie ungemein konzentriert ein Leben in knapp sechs Minuten.

Mélodie Zhao, in einem Kleid, das mit Verbergen und Enthüllen spielt, spielte diese drei Sätze so intensiv und klangvoll zugleich, so insistierend und differenzierend und vor allem so beredt, dass man glaubte, diese Sätze gesprochen zu hören: Diese Musik sagt etwas – auch wenn man vielleicht, wie der Dirigent Gustav Kuhn in seiner Anmoderation meinte, erst „beim 140. Mal Hören die Zusammenhänge verstehe“. Schön war auch, wie sich die Intensität im Gesicht der jungen Pianistin widerspiegelte.

Danach gab’s reine Spielfreude, überschäumend und virtuos, glitzernd und lebensfreudig: Götterlieblingsmusik. Gemeint ist das Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1830 einer 17-jährigen Pianistin gewidmet. Die nur etwas ältere Mélodie Zhao gab diesem Konzert genau das himmelstürmende jugendliche Feuer, das diese Musik verlangt, und formte die lyrischen Stellen hochemotionell mit hochsensiblem Anschlag, sodass diese wie Himmelsgesang klangen. Die Bravo-Rufe und das Füßetrampeln quittierte die Pianistin mit einem Chopin-Nocturne, in dem sie jeden Ton wie einen kostbar gefassten Edelstein gestaltete.

Das Orchester der Tiroler Festspiele Erl hatte diese zauberhafte Pianistin mit fast atemloser Spannung und samtweichen Streichern begleitet und war trotz seiner Größe immer punktgenau zur Stelle.

Den Schluss dieser Klaviertage machte Beethovens „Eroica“, seine dritte und die erste „große“ Symphonie. Gustav Kuhn dirigierte wissend-routiniert, reduzierte das Trauermarsch-Pathos des zweiten Satzes und wollte auch überhaupt nicht viel Welterklärungsdrang bieten. Dafür bot er reine Musik, sorgte für helle Transparenz, sodass man hörte, was man alles aus einem simplen Dreiklang machen kann und wie dieser Dreiklang im Finale zu einem gelassen-heiteren Thema wird, das das Orchester dann mit tänzerischem Elan in all seinen Variationen präsentiert. Und wieder bewundert man die ständig hocherhitzte Energie, die auch die Geiger in der letzten Reihe noch beflügelt, und wieder bewundert man die Musikalität der Holzbläser, die immer höchst liebevoll ihre Passagen gestalten.

Großer Jubel im Publikum und erschöpfte Freude der Orchestermusiker waren das Ergebnis.

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