Neubeuern – Bei ihrem Passionskonzert haben die Augsburger Domsingknaben, genauer gesagt, dessen Kammerchor, sich die Pfarrkirche Neubeuern geradezu ersungen und das Publikum mit ihrem Gesang erobert: Vier Solisten standen zunächst vor dem Altar und intonierten das „Popule meus“ von Tomas Luis de Victoria (1548 bis 1611), während von weit hinten die Antwortrufe von weiteren vier Sängern kamen. Alle acht zusammen sangen darauf von vorne „Vere lanquores nostros“ und dann alle Männer „Tenebrae factae sunt“, alles von Victoria und alles aus der Karfreitagsliturgie. Dann stellte sich der Chor ganz hinten in den Altarraum. Zu diesem Passionskonzert fanden sich sehr viele Zuhörer ein.
Bei einem Knabenchor vergleicht man unwillkürlich mit den anderen berühmten Knabenchören. Nun, die Augsburger Domsingknaben, gegründet 1976 von Reinhard Kammler, der sie immer noch leitet, singen ganz anders: Sie haben weder das seraphisch-sinnliche, beinahe italienisch Timbre der Regensburger Domspatzen (zumindest der Ratzinger-Ära) noch die dynamisch-agile Perfektion und glasklare Transparenz des Windsbacher Knabenchors zurzeit noch die evangelisch-strenge Gradlinigkeit der Thomaner.
Die Augsburger pflegen einen blockhaft-stimmstarken Chorklang, der einzelne Akkorde wie Bögen einer Brücke spannt, der jeden neuen Akkord wie einen kleinen Trompetenstoß anstimmt und am Ende wuchtig stehenbleibt und selten verklingt. Noch dazu wird der Sopran stark dominiert durch einen Altus, also einen jungen Mann, der ein durchdringend starkes Falsett singt. Das ist ungewohnt.
Das macht sich gut in der „Missa Bell’amfitrit altera“ von Orlando di Lasso (1532 bis 1594), wenn zwei vierstimmige Chorblöcke machtvoll gegen- und miteinandersingen. Das macht sich weniger gut in Mozarts „Ave verum“, wo es mehr ums Fließen, Strömen und Gleiten von einer schmerzreichen Chromatik in die andere geht und wo Kammler die Worte „crucis“ und morte“, also Kreuz und Tod, geradezu als Aufschrei singen ließ, oder im „Abendlied“ von Joseph Rheinberger, das doch mehr schweben soll als stehen. Und dann wird das vorgeschriebene „Andante“ in „Wer bis an das Ende beharrt“ aus dem „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1808 bis 1847) zum schweren Adagio.
Hervorzuheben aber ist die immer sichere Intonation der Sänger, die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Anfangstöne vom Dirigenten abnehmen, ohne dass man etwas hört, die Chordisziplin, mit der sie auf jeden Wink von Reinhard Kammler reagieren, und die immer hörbare Transparenz des Chorklangs.
Frappierend ist auch die Kunst des Altus, der wiederum das Solistenquartett mitten in der Kirche anführt, in drei Chorwerken, darunter das bekannte „O Welt ich muss dich lassen“ von Heinrich Isaak (1450 bis 1517). Auch der sehr homogene Männerchorklang in „Tenebrae factae sunt“ überzeugte.
Damit die Sänger eine Pause hatten, spielte Stefan Steinemann, der als Altus auch die Stimmbildung der Sänger verantwortet, die Fantasie g-Moll BWV 542 für Orgel von Bach mit dem gewaltigen Pedaltonleiterabstieg.
Als Zugabe sangen die Domsingknaben „Der Mond ist aufgegangen“, wobei die einzelnen Strophen unterschiedlich harmonisiert waren und ein Knabe als sicherer und stimmstarker Solist fungierte.