Erl – Demonstrativer Beifall brandete Gustav Kuhn, dem Intendanten der Tiroler Festspiele Erl, entgegen, als er auf die Bühne trat – obwohl er nur moderierte. Das Publikum im gut besetzten Festspielhaus schien ihm das mediale Gewitter, das ihn zurzeit umgibt, nicht übel zu nehmen. Er moderierte das Eröffnungskonzert der zweiten Klaviertage Erl, ein Konzert voller pianistischer Raritäten und Kuriositäten: Zwei Flügel, acht Hände, neun Pianisten, neun Komponisten, eine Sängerin und ein Flötist – ein wahrlich bunter Abend. Fast marmorschwarz schimmerten und glänzten die beiden Fazioli-Flügel auf der Bühne und versprachen ein Klavier-Fest.
Acht Hände begannen und beschlossen den Abend. Anfangs entfachten Emanuele Lippi, Yuna Saito, Claudia Foresi und Paolo Troian einen veritablen Klaviersturm in der dialogisch angelegten einsätzigen Sonate in e-Moll von Friedrich Smetana (1824 bis 1884) – die man wohl ganz selten zu hören bekommt. Die abschließende „Danse macabre“ für acht Hände von Camille Saint-Saens (1835 bis 1921) ist ein Reißer, der seine Wirkung nie verfehlt, egal in welcher Bearbeitung. Hier war das erste Klavierpaar das „Duo Ardita“, bestehend aus Ardita Statovici und Ariane Haering.
Dieses Duo hatte vorher im Thema und Variationen G-Dur KV 501 von Mozart genau die Mozart’sche Mischung aus schalkhafter Heiterkeit, überraschend einbrechender Melancholie und zugleich unfassbarer Schönheit getroffen. Nochmal Mozart gab’s, und zwar seine nur zu bekannte C-Dur-Sonate KV 545, die „sonata facile“, die Edvard Grieg für zwei Klaviere verfremdete, romantisierte und bisweilen auch ironisierte, „als er gerade Depressionen hatte“, wie Gustav Kuhn launig erzählte. Claudia Foresi spielte das Original und Paolo Trojan die romantische Üppisierung dazu, beide mit viel Fingerfertigkeit.
Das Klavier fungierte nebenbei auch nur als Begleitinstrument für die „Habanera“ aus Bizets „Carmen“, vollblütig gesungen von Alena Sautier und dann heißblütig geflötet von Francesco Gatti in der „Fantaisie brillante sur Carmen“ von Francois Borne (1840 bis 1920).
Am gewichtigsten erwiesen sich dann doch die Werke für ein einziges Klavier: Alberto Chines brillierte in zwei Sonaten von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), er gewann sogar aus den vielen Verzierungen schwungvolle Energie. Die chinesisch-schweizerische Pianistin Mélodie Zhao ist ein Erler Publikumsliebling, und das mit Recht: In den „Eroica-Variationen“ von Beethoven paarte sie formale Strenge mit ungemein abgestuftem Anschlag, geistige Durchdringung mit lyrischer Hingabe und beseelte Energie mit gestochener Schärfe.
Am überraschendsten – und für so manche Zuhörer kuriosesten – waren drei kurze Klavierstücke von Salvatore Sciarrino (geboren 1947): hellglitzernd wie chinesische Glöckchen war „Esercizio“, voll von emotional hoch aufgeladenen Einzeltönen war „Polveri laterali“ und metallisch hart und furios Toccata-haft die zweite der „Due notturni crudeli“. Alfonso Alberti spielte alles auswendig und alles mit dem Körper mitarbeitend und alles glasklar: hochbeeindruckend!