Virtuose Perfektionisten und ein Zauberer

von Redaktion

Mischa Maisky und die „Moscow Virtuosi“ lösen im Rosenheimer Kuko wahre Beifallsstürme aus

Rosenheim – Etwas irritiert durfte man sein, als die Moskauer Virtuosen die Bühne betraten, alle uniformartig im gleichen Outfit: Grauer Anzug, graue Weste, graue Krawatte. Konzertmeister Alexey Lundin gab mit kleiner Geste den Einsatz und schon ging’s los mit Mozarts „Divertimento Nr. 3 in F-Dur“, KV 138. Der straffe Rhythmus der Musik kam dem eisern disziplinierten Spiel der Moskauer sehr entgegen.

Da wurden feine Schattierungen und Nuancen genau ausgeleuchtet, ja geradezu wie mit feinstem Meißel ziseliert. Mit Ungefährem oder Vagem wollten die Musiker nichts zu tun haben. Mozart in Wien? Nein, jetzt war er in Moskau! Die wie eine Präzisionsuhr ablaufende Motorik ließ fast überdeutlich die Struktur erkennen. Weichzeichnung schien für die Moskauer tabu zu sein.

Unglaublich, mit welcher Perfektion hier musiziert wurde; der Schwung der Geigenbögen wirkte bis auf den Millimeter abgezirkelt, nichts überließ man dem Zufall. Das zarteste Sforzato oder ein plötzliches Piano wurde von allen Instrumentalisten in der exakt gleichen Intensität realisiert. Eine Klangkultur von immaterieller Zartheit und minutiöser Genauigkeit war zu bewundern.

Das Programm spannte den Bogen von Mozart über Beethoven bis Tschaikowski. Aber die Temperatur der Musik war herabgestimmt auf sprudelnde und entspannte Heiterkeit, und bei Tschaikowski gar auf zierliches, rokokohaftes Sentiment.

Beethovens so herrlich musikantisches Tripelkonzert hat bei Experten nicht die beste Presse. Schließlich fehlt ihr das heroische Pathos seiner fast zeitgleich komponierten Es-Dur Sinfonie, der „Eroica“. Mag das Tripelkonzert „am Ende doch eine vergleichbar schwache formale Faktur“ aufweisen, sei’s drum, es bietet eine halbe Stunde lang spannende, mitreißende Musik. Ein zusätzliches Plus: Jetzt trat der „Zauberer“ auf, der nunmehr 70-jährige „Ausnahmecellist“ Mischa Maisky.

Es ist reizvoll, die beiden zusätzlichen Solisten auf Klavier und Violine aus der eigenen Familie rekrutieren zu können: Lily Maisky (Klavier) und Sascha Maisky (Violine) arbeiteten ihrem „Übervater“ loyal, kompetent und sympathisch uneitel zu. Das eigentliche Sagen hatte freilich der Papa, der mit seiner überragenden Präsenz sofort die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. Zwar bot er durch seine unbürgerliche Gewandung einen Kontrast zu den Moskauer Virtuosen, doch trotz seiner malerischen weißen Haarpracht agierte auch er ohne Show, temperamentvoll, aber sichtlich als engagierter Diener nur der Musik hingegeben.

Sein Cellospiel? Die Töne leuchten wie gleißende Goldfäden oder wie kontrollierte Lava-Rinnsale; Mischa Maisky spielt nie „laut“, er forciert nicht, und scheinbar paradox meint man ihn am deutlichsten zu hören, wenn er leise, fast unter der Hörgrenze spielt. Es entsteht dann ein Sog, dem sich kein Hörer entziehen kann.

Nach der Pause Russland pur: Tschaikowski! Nichts Pathetisches, kein heroisches Donnergrollen, sondern Elegisches oder muntere Folklore: Genrebildchen aus den „Jahreszeiten“. Dieses ursprünglich für Klavier komponierte Werk erfuhr sicher durch die Bearbeitung für Kammerorchester (Alexey Strelnikov) eine Aufwertung: „Karneval“ und „Jagd“ wurden unter den streichenden Händen der Moskauer zu dreidimensionalen, sehr farbigen Szenerien. Im Gegensatz dazu musste durch die Bearbeitung des Tripelkonzerts ein Defizit hingenommen werden: Die Akzente der Pauken und den Glanz der Trompeten vermisste man doch etwas schmerzlich.

Im folgenden „Nocturne“ op. 19, Nr. 4 durfte sich Mischa Maiskys Cello weiträumig und mit großem Atem aussingen. Aber ein gewichtiger Beitrag waren dann doch die „Variationen über ein Rokoko-Thema“, einem bei aller zeremoniösen Lieblichkeit vielschichtigen Werk. Dem Cellisten wurden tausend Gelegenheiten geboten, alle seine Register ziehen zu können, von irrwitzigen Läufen über sanfte, innige Kantilenen bis zu rhythmisch zugespitzten Passagen.

Ein Genuss für sich, die Aktion Maiskys optisch mitzuverfolgen: Die subtilen Übergänge, die „retardierenden Momente“, wurden noch aufregender und verständlicher, als wenn man’s nur auf der CD hört. Nach dem akrobatisch hingefetzten Schluss der Rokoko-Variationen war der Beifall tatsächlich „nicht enden wollend“, der natürlich die phänomenalen „Moscow Virtuosi“ miteinschloss. Man sah einzelne dieser Herren (mit der Frauenquote war es schlecht bestellt) nun sogar lächeln.

Zwei Zugaben wurden dem Star, der sich wahrlich nicht geschont hatte, abgefordert. Stell dir vor: Du gingest ins Kuko, aber es gäbe keine Meisterkonzerte mehr – ein schrecklicher Gedanke.

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