Wasserburg – „Der Kirschgarten“ war Anton Tschechows letztes Stück. Die Uraufführung erfolgte am 30. Januar 1904 zu seinem 44. Geburtstag. Ein halbes Jahr später wurde der Dramatiker und Arzt, er gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Literatur, von der Tuberkulose dahingerafft.
Gutsbesitzerin Ranjewskaja kehrt auf Drängen ihrer Tochter Anja nach langer Abwesenheit aus Paris zurück. Sie war vor der Erinnerung an den Tod von Ehemann und Sohn geflüchtet. Ihr Besitz, dessen riesiger Kirschgarten lange Zeit Wohlstand brachte, ist mittlerweile hoch verschuldet und soll versteigert werden.
Die Menschen, die zurückgeblieben sind, erwarten sie: ihr Bruder Leonid, Ziehtochter Warja und Firs, der alte Diener. Dazu gesellt sich ihre illustre Reisebegleitung mit Diener Jascha und Charlotta, die ihre Tochter erziehen soll. Der Kaufmann Lopachin, vormals noch Leibeigener des Gutes, versucht Ranjewskaja zu überzeugen, den Kirschgarten abholzen zu lassen, um das Land zur Errichtung von Datschen aufteilen zu können. Nur so ließe sich der Ruin abwenden. Während ein letztes, rauschendes Fest gefeiert wird, ersteigert Lopachin das Anwesen. Der Kirschgarten wird abgeholzt. Die Menschen aber scheitern an ihren trügerischen Hoffnungen.
Auch im Jahr 2018 sind Faszination und Symbolkraft des „Kirschgartens“ ungebrochen. Tschechow beschrieb den Niedergang des Adels am Vorabend der Oktoberrevolution. Uwe Bertram inszenierte aus dem Sozialdrama auf brillante Weise einen Abgesang auf den Untergang der DDR. Die Akteure und ihre Rollen aber sind dabei die gleichen geblieben.
Obwohl die Vorzeichen jeweils offensichtlich waren, wurden sie von den wirtschaftlichen Veränderungen und dem Wandel der Gesellschaft überrollt. „Wer nicht mit der Zeit geht, wird mit der Zeit gehen“, diese nüchterne Botschaft blieb zurück.
Die schauspielerische Leistungen des gesamten Ensembles waren beeindruckend, das Bühnenbild eine Klasse für sich: Es war stimmig bis ins Detail mit den Tischdecken im Kirschdesign. „Der Kirschgarten“ am Theater Wasserburg wurde zu einem Gastgarten, vermutlich am Elbstrand in der DDR gelegen, mit allem, was dazugehört. Von den Kostümen bis hin zur Musik dominierte der Stil der 1980-/90er-Jahre um die Zeit der Wende. Susan Hecker, Nina Selma Frank, Hilmar Henjes, Carsten Klemm, Nik Mayr, Frank Piotraschke, Leonhard Schilde, Annett Segerer, Regina Alma Semmler und Mike Sobotka spielten die vermeintlich glanzvolle Gesellschaft mit Hingabe und Überzeugungskraft.
Es wurde vom Ensemble gesungen und getanzt, Leonhard Schilde spielte dazu Akkordeon. So spannte sich der Unterhaltungsbogen vom Sprechtheater zum Musiktheater. Dazu gab es Songs wie „Am Fenster“ oder „Bataillon d’Amour“ der Ost-Rock-Legenden „City“ und „Silly“. Auch „Puhdys“ kamen mit dem Klassiker „Alt wie ein Baum“ zu Wort.
Selbst das Publikum wurde zum letzten Fest im Kirschgarten miteingeladen. Es gab Soljanka und DDR-Kultgetränke wie „Küsten-Spritz“ mit „Rotkäppchen“-Sekt und giftgrünem „Pfeffi“-Pfefferminzlikör.