Capella Vocale und Collegium Musicum

„Es ist vollbracht!“

von Redaktion

Rainer Schütz zelebriert in der Priener Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bachs „Johannes-Passion“

Prien – Der wegen seiner schönen Proportionen intim wirkende Raum der Priener Pfarrkirche „Mariä Himmelfahrt“ war wieder voll besetzt, als Dirigent Rainer Schütz, seine Capella Vocale und das Collegium Musicum die „Heilige Woche“ mit Johann Sebastians Bachs „Johannes-Passion“ eröffneten – eine akzeptable Liturgie also auch für säkulare Gemüter.

Selbst ein abendfüllendes musikalisches Werk hat, wenn es etwa von Bach stammt und von einem guten Klangkörper betreut wird, keine Durststrecken. Dennoch lassen sich Kristallisationspunkte ausmachen, in denen das Geschehen komprimiert auf den Punkt gebracht wird und bei welchen die Zuhörer die blanke Ergriffenheit packt.

Dazu gehören die beiden gewaltigen Chöre an Beginn und Schluss, keine Frage; doch waren es in dieser Aufführung vor allem die Konfrontation Jesu mit Pilatus und diese knappen Worte des Gekreuzigten: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“, „Siehe, das ist deine Mutter!“ und dann „Mich dürstet!“ und „Es ist vollbracht!“. Thomas Hamberger war hier ein letzte Kräfte sammelnder Schmerzensmann von erschütternder Größe. Sein tief-dunkler Bass setzte sich ab von dem schlanken, jugendlichen Bass von Thomas Schütz. Dessen so natürliche Behandlung des Wortes brachte Sinn und Melos in eine glückliche Balance. Thomas Schütz lieh selbst Pilatus noch nachvollziehbar menschliche Züge und ließ zusammen mit dem Chor die Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen…“ zu einem dieser besonderen Höhepunkte werden. Der Chor als die verunsicherte Gemeinde stellt die Frage „Wohin?“. Die unmissverständliche Antwort lautet: „Nach Golgatha!“

Bach hat in dieser Passion die Gesangssolisten nicht üppig bedacht: Die Altistin Ida Aldrian berührte vor allem in der todtraurigen Arie „Es ist vollbracht“, die unmittelbar an dieses letzte Wort Jesu anschließt. Denzil Delaere besitzt einen kraftvollen Operntenor und musste sich an einem kraus-barocken Text abarbeiten: Jesu „blutgefärbter Rücken“ steht dem Textdichter als Symbol für den „allerschönsten Regenbogen“. Naja…

Seit Jahren ist die strahlende Sopranistin Susanne Bernhard gern gesehener und gehörter Gast in Prien. Mit lockerem Ansatz gelingt es ihr, den Raum mit ihrer wunderbaren Stimme mühelos zu füllen. Als kurze Stichwortgeber von Magd und Diener agierten beherzte Chormitglieder: Anna Fichtl und Rupert Schäffer.

Zurück zur nicht vorhandenen „Durststrecke“: Sebastian Kohlhepp war trotz der Textmenge nicht nur ein spannend erzählender Evangelist, sondern auch ein Sänger, der Anteil nahm, der sich schon mal erregen konnte, ohne das dramatische Element zu übertreiben. Seine wohl abgerundete Stimme zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen und ermüdete ebenso wenig die Hörer.

Die Choräle nahm Rainer Schütz durchaus kompakt, ohne kleinteilig zu psychologisieren. Es waren im dramaturgischen Geschehen Ruhepunkte für den Hörer, der Gelegenheit hatte, nachzudenken. Der Chor aber musste die Spannung halten, ohne dass der Choral zum planen Gemeindesang absank. Das gelang hervorragend: Die Akkorde leuchteten, ja funkelten geradezu.

Dass die Capella Vocale die hasserfüllten Einwürfe wie „Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“ rhythmisch akkurat bewältigte, war vorauszusehen. Überwältigend aber der Beginn: Der Chor schleudert nach relativ ruhigem, schmerzlich dissonantem Vorspiel mit größter Vehemenz sein mehrmaliges „Herr, Herr, Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“ fortissimo in den Raum. Expressionistische Verzweiflung? Eigentlich doch schon jubelnde Vorwegnahme der Glorie!

Gerechterweise müsste man jeden Instrumentalisten des von Konzertmeisterin Marija Hackl angeführten „Collegium Musicum“ einzeln auf dem Präsentierteller vorführen, wie etwa Elisabeth Steiner mit ihrem feinen Flötensolo. Nur soviel, die Musiker ließen – ob solistisch oder im Tutti – keine Wünsche offen! Ein extra Blick soll nur kurz auf das Continuo geworfen werden: Die sechs Instrumentalisten waren unverzichtbarer und bereichernder Teil des Klangkörpers. Da kam neben Cembalo (Hubert Huber), Cello (Birgit Saßmannshaus), Orgel (Hans Stockmeier), Fagott (Yoko Fujimara) und Kontrabass (Holger Hermann) als besonders delikate Klangfarbe noch die Laute hinzu, von Christoph Eglhofer hörbar mit Lust und Liebe geschlagen.

Rainer Schütz blickt nun nach so vielen Jahrzehnten seines Wirkens in Rosenheim und Prien auf ein reiches Lebenswerk zurück, mit dem er in der Region verbindliche und prägende Maßstäbe gesetzt hat.

Artikel 3 von 6