Rosenheim – In der Herbststraße 27, Ecke Heilig-Geist-Straße, in Rosenheim stand bis Anfang dieses Jahrhunderts eine stattliche Villa. Sie diente der Familie Hesselmann als repräsentativer Wohnsitz, die in Thansau eine Fabrik besaß, die „Planatolwerke W. Hesselmann, Chemische und Maschinenfabrik für Klebetechnik“.
Der Gründer dieser Fabrik, Willy Hesselmann, hatte fünfmal geheiratet und sechs Söhne von drei Ehefrauen. Dass dies kein normales Familienleben war, kann man sich denken. Dass es nicht nur nicht normal, sondern eine Familienhölle gewesen sein muss, erzählt das Buch eines der Söhne, nämlich Hans Hesselmann: „Herbststraße“ heißt sein Buch. Hans Hesselmann wurde 1943 in Kempten geboren, machte das Abitur in Rosenheim, wurde Gymnasiallehrer, promovierte und leitete später das Menschenrechtsbüro in Nürnberg.
Weit greift der Autor in vielerlei Rückblicken aus, lässt die Familiengeschichte mit 1871 beginnen, dem Geburtsjahr des Deutschen Kaiserreiches und zugleich seines Großvater mütterlicherseits, Karl Gustav Franz Bressem, der in Hamburg geboren wurde und später in Stettin Beamter bei den Preußischen Eisenbahnen wurde. Dort wurde 1906 Charlotte Bressem geboren, die Mutter von Hans Hesselmann. Sie besuchte die Handelsschule, zog mit ihrer Firma zuerst nach Berlin, 1929 nach München, wo sie den Hofrat Dr. Carl Pflüg kennen- und schätzen lernte.
Mit ihm verbrachte sie herrliche Wochen in Törwang, wo Carl Pflüg einen Kuraufenthalt machte. Über eine Hochzeitsanzeige lernte sie später den Unternehmer Willy Hesselmann kennen, den sie 1943 heiratete. Kurz vorher gestand er ihr, dass er schon zweimal verheiratet gewesen sei – die zwei anderen Ehen verschwieg er.
Dies schien symbolisch zu sein: Als „schweigsam und unzugänglich“ beschreibt Hans Hesselmann seinen Vater, aber auch als „einen Menschen von schier unerschöpflicher Tatkraft und herausragenden Fähigkeiten, als dynamischen Kopf eines florierenden Unternehmens und Schöpfer bahnbrechender Erfindungen“, der aber „seine Ehe und seine Familie kompromisslos der beruflichen Tätigkeit unterordnete“.
Willy Hesselmann, 1895 in Gelsenkirchen als Sohn eines Handelsvertreters geboren, wurde zunächst Kaufmann, dann Bankangestellter, dann wiederum höherer Angestellter in Industrieunternehmen, bis er schließlich 1932, mitten in der Wirtschaftskrise, eine Firma gründete, die Kunstharz-Klebestoffe und Klebemaschinen produzierte.
All dies sollte das Klebebinden von Büchern, Broschüren, Katalogen und Zeitschriften ermöglichen und erleichtern. Langsam hatte die Firma Erfolg, bis sie 1943 ausgebombt wurde. Deshalb zog die Firma nach Dietmannsried im Allgäu. Dort wurde Willy Hesselmann kurzfristig sogar von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt. Weil der Ort aber keine Expansionsmöglichkeiten bot, zog die Firma nach Thansau und Familie Hesselmann in die Villa in der Herbststraße.
Das Familienleben in dieser Villa beschreibt Hans Hesselmann als bedrückend und lieblos. Vor seinem Vater habe er zwar Ehrfurcht, aber mehr Furcht gehabt, schreibt er. Herrisch und humorlos sei er gewesen, fremd und unzugänglich. Der Tod 1966 sei eine Befreiung gewesen.
Nur kurz streift Hesselmann die Geschichte der Firma, die 2009 verkauft wurde, gar nicht schreibt er über das weitere Schicksal der Villa, die abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde, wenig über das weitere Leben seiner Mutter, die bis zu ihrem Tode 2002 in Stephanskirchen wohnte, und überhaupt nichts über seinen jüngeren Bruder Herbert, der immerhin ein berühmter Fotograf geworden ist. Und leider ist das Buch mit relativ wenigen Fotos ausgestattet, obwohl der Autor „mehrere Hundert Fotos“ gesichtet hat. Aber das Buch erzählt eine Rosenheimer Firmengeschichte und eine – vielleicht in vielerlei Hinsicht typische – deutsche Familiengeschichte.
Hans Hesselmann: „Herbststraße“, Rosenheimer Verlagshaus, ISBN 978-3-475-54753-9, 19,95 Euro.